Frequently Asked Questions zum Buch Tage der Nemesis

Kommissar Andreas Eckart ist ein morphiumsüchtiger ehemaliger Psychiater. Was macht ihn im Kontext des Romans zum perfekten Ermittler?

Als »gelernter« Psychoanalytiker ist Andreas Eckart ein Spurensucher menschlichen Körperausdrucks. Er kann in Gesichtern und aus Körperhaltungen die dahinterliegenden Motivationen lesen, vor allem aber die Wörter hinter den Wörtern aufspüren. Oder wie er selbst Nietzsche zitieren würde: »Man lügt wohl mit dem Mund; aber mit dem Maul, das man dabei macht, sagt man doch noch die Wahrheit.« – Seine Erfahrungen als Psychiater und Kriminalpolizist lassen ihn zu einem menschlichen Lügendetektor werden. Außer natürlich in den Momenten, in denen ihn sein »Kriegszittern« überfällt: wenn seine Gewalterfahrungen von der Front plötzlich vor seinem inneren Auge auftauchen und er diese Flashbacks mit Morphium bekämpft. Und das kann ihm in emotional sehr aufgeladenen Situationen schon passieren, einfach weil er ein komplexer Charakter mit all seinen Schwächen ist, aber kein Rationalist vom Schlage eines Sherlock Holmes.

Welche Rolle spielt Eckarts eigener multikultureller Hintergrund dabei?

Eine sehr wichtige. Eckart ist der Sohn eines deutschen Vaters und einer italienischen Mutter. Um im Deutschland der Kaiserzeit auch nur einigermaßen respektiert zu werden, muss er mehr von sich abverlangen als seine deutschen Schul- und Universitätskameraden. Er muss in allem, was er tut, härter und gradliniger sein. Deshalb verbindet ihn viel mit den Armeniern. Auch sie versuchen im Osmanischen Reich linientreuer und verlässlicher zu sein als die anderen Ethnien des Vielvölkerreichs. Erst als sie feststellen, dass man sie trotzdem nicht in Ruhe lässt, reagieren sie trotzig, spüren ihrer Herkunft nach und entwickeln einen eigenen Charakter – wie Eckart. Der Kommissar versteht ganz genau, welche gemischten Emotionen die armenischen Attentäter in ihrem Rachefeldzug antreiben.

Die »Operation Nemesis«, von der der Thriller handelt, gab es in den 1920er Jahren wirklich. Wie kommt man auf diesen brisanten Stoff?

Es gibt Stoffe, auf die kommt ein Autor nicht – die Stoffe kommen zum Autor. Mich haben drei »Begegnungen« innerhalb kurzer Zeit dazu gebracht: Erst vertippe ich mich beim Surfen im Netz und stoße dabei versehentlich auf Soghomon Tehlerian; wenig später stolpere ich in einem Antiquariat in Kreuzberg über ein Standardwerk zum armenischen Genozid; schließlich treffe ich abends in einer Kneipe türkische Freunde, die mich mit dem Stoff vertraut machen. Das schien mir ein Zeichen, ich hab mich des Stoffs und der Stoff hat mich als Autor angenommen.

Haben diese türkischen Freunde nicht vor dem Thema gewarnt?

Nein. Ich muss zugeben, dass ich mir der Brisanz des Themas nicht bewusst war. Während ich 2011 an dem Roman gearbeitet habe, hat Sarkozy seinen Gesetzesentwurf eingebracht, der die Leugnung des armenischen Völkermords in Frankreich unter Strafe stellt. Erst die wütenden europaweiten Reaktionen türkischer Nationalisten haben mir gezeigt, wie problematisch dieser Stoff noch immer ist. Ich war auch deswegen überrascht, weil meine türkischen Freunde mit größter Selbstverständlichkeit von diesem Genozid und der Schuld von Talât und Konsorten gesprochen haben – sie zählen damit zu einer kleinen, intellektuellen Elite in der Türkei, die das Thema unvoreingenommen aufarbeitet.

Ich möchte aber unbedingt betonen, dass ich mit diesem Buch weder das »Türkentum« beleidigen noch eine Kollektivschuld aussprechen will. Dieser Völkermord ist von einer verbrecherischen kleinen Clique beschlossen worden, die sich an die Regierung geputscht und skrupellos ihre Machtziele verfolgt hat. Unter ihr mussten alle Völker des Osmanischen Reiches leiden, auch das türkische Volk. Die einfachen Menschen haben schon damals die Deportationen als unmenschlich abgelehnt – egal ob Türken, Kurden oder Araber, es wird einhellig berichtet von heimlichen Rettungs- und Solidaritätsaktionen, und das trotz drohender Todesstrafen. Deshalb kann von einer »Kollektivschuld« nicht die Rede sein.

Der Roman erforderte sicher einige Recherchearbeit. Wie war es, in Akten und Geschichtsbüchern so viel über Gräueltaten zu lesen?

Ätzend. Ich musste regelmäßig Pausen einlegen, tage- bis wochenlang, schon bei den historischen Fachbüchern. Das Lesen über Leichenberge trägt nicht unbedingt dazu bei, dass man tags gut isst und nachts gut schläft. In solchen Zeiten ist ein stabiles soziales Umfeld wichtig – auf die Gefahr hin, dass Freunde und Familie darunter leiden müssen. Ein Freund hat mir eines Nachts eine SMS geschickt und gebeten, mich erst dann wieder bei ihm zu melden, wenn das Buch geschrieben ist, meine »Grätigkeit« sei unerträglich. Damit muss man als Autor halt leben.

In Tage der Nemesis geht es in hohem Maße um Mechanismen der Ausgrenzung, Hass und Unterdrückung. Trägt die eigene Biographie als Kind ungarischer Eltern dazu bei, sich für solche Themen zu interessieren?

Vermutlich. Auch wenn die Ausgrenzung, die ich selbst als »Flüchtlingskind« erfahren habe, eine so verdeckte war, dass ich sie erst im Teenageralter wirklich verstehen konnte.

Ich fühle mich in der Literatur zu Typen mit beschädigten Lebensläufen hingezogen, zu den sogenannten »Kapitalismus­verlierern«, die in den jetzigen Gesellschaften in Ost und West nicht mithalten können oder nicht mithalten wollen. Wobei das durchweg keine passiven Charaktere sind, oft driften sie aktiv in die Extreme, um sich in dieser durchorganisierten, durchrationalisierten und durchkapitalisierten Welt »Nischen« zu erarbeiten, sei es als Zocker oder als Terroristen. – Denn: ja, auch der Terrorismus ist eine Nische, sonst wäre er als religiös-politisch-sozialer Gegenentwurf in Ost und West nicht so »erfolgreich« in der Anwerbung neuer Mittäter.

Ausgrenzung, Hass und Unterdrückung lösen menschliches Handeln aus, deshalb sollten sie auch wirksame Motive einer Literatur sein, die sich mit gesellschaftskonformem Eskapismus nicht zufriedengeben will.

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