Interview zu Schreibge­wohnheiten und Schreib­umgebung

2015 befragte Petra Reategui in einer großangelegten Interview-Aktion Autorinnen und Autoren nach ihren Schreibgewohnheiten, ihrer Schreibumgebung und schreiberischen „Marotten“. Ich habe Teile des Interviews hier eingestellt, es ist aus Gründen der Lesbarkeit stark gekürzt und verzichtet auf die statistischen Momente.

Um welche Uhrzeit schreiben Sie am liebsten, und wann schreiben Sie tatsächlich?

Da ich zu mehreren Jobs gezwungen bin und dafür unter anderem als Dozent unterrichte, fällt für mich der Vormittag und der Abend aus – daher kann ich eigentlich nur am Nachmittag schreiben, im allgemeinen zwischen 13 und 18 Uhr. Biorhythmisch gesehen bin ich eher eine „Eule“, deshalb war das anfangs eine ziemliche Umstellung für mich – das nächtliche Schreiben ist schön und sehr inspirierend, insbesondere um kürzere Texte zu verfassen, aber nicht gerade dienlich, um kontinuierlich Romane voranzubringen.

Ist es Ihnen egal, wo Sie schreiben, oder brauchen Sie ein bestimmtes Umfeld?

Das Umfeld ist mir komplett egal, ich habe oft in den entsetzlichsten urbanen Umgebungen mit Blicken auf Tiefgaragen oder Abraumhalden mehr geschrieben als in wunderschönen Altbau-Stipendienwohnungen; ich kann auch im Zug schreiben, notfalls sogar während einer Autofahrt, dann eben mit laufendem Diktiergerät (diktierend natürlich nicht an zusammenhängenden längeren Texten). Solange ich in der Nähe einer Steckdose bin und eine ununterbrochene Kaffeeversorgung gewährleistet ist …

Was hilft Ihnen, um den Überblick über Ihr Schreibprojekt zu bewahren? (Zettelkasten, Computer-Software für Autoren, Papierrolle an der Wand mit Ablauf von Plot/Struktur/Geschehen oder …)

Wenn ich einen Roman recherchiere, arbeite ich mit mehreren voneinander getrennten Computerdateien (Buchzusammenfassungen, Archivrecherche-Mitschriebe, Plotideen, Figurencharakteristiken); ich gestehe allerdings, daß ich mir, trotz meiner Technikaffinität, wenn es ans Plotten geht, Ausdrucke der Kapitel- und Szenenfolgen mache und sie an einer Wand befestige, um sie immer wieder neu kombinieren zu können. Mit Zettelkästen kann ich nicht effizient arbeiten, ich brauche die Stichwortsuche, die mir der PC ermöglicht; und spezielle Schreibprogramme finde ich für meine eigene Art zu schreiben nicht hilfreich, weil sie meines Erachtens sehr auf einzelne Genres zugeschnitten sind und die Arbeit in klassischer „E“-Literatur strukturell eher hemmen.

Was brauchen Sie, damit Sie ins Schreiben hineinkommen, was, um im Schreibprozess, um inspiriert zu bleiben?

Im aktuellen Schreibmoment: Kaffee; und eine gewisse Grundruhe, es sollte möglichst nebenan nicht gerade ein Haus abgerissen werden. Aber da ich auch das hin und wieder erleben darf, habe ich immer gutsitzende Kopfhörer und klassische Musik parat. – Über längere Schreibphasen: Bei einem Roman kann nicht alles inspiriert sein, man wird wohl damit leben müssen, daß es Tage gibt, die einfach Mist sind, in denen alles bis hin zur Wortstellung Mist ist. Da ist es dann in erster Linie wichtig, dranzubleiben, die Frustrationsschwelle nicht zu tief sinken zu lassen und auf einen neuen Tag zu hoffen. Und sich in dieser Zeit auf keinen Fall nebenbei noch mit Selbstmarketing oder Lesungsakquise belasten, das ist absolut tödlich.

Welche äußeren Faktoren stören Sie beim Schreiben?

Unter der Woche im allgemeinen der Höllenlärm, den Nachbarn mit Vorliebe nachmittags produzieren, Laubbläser und Rasenmäher sind meine absoluten Lieblinge. Samstags dann der Fußball, weil ich die meist miesen Ergebnisse meines Vereins irgendwie überleben muß. Und mich einfach nicht dahingehend konditionieren kann, sie bis nachts nicht zur Kenntnis zu nehmen.

Was machen Sie, wenn Sie aus einem bestimmten Grund unbedingt schreiben müssen (z.B. wegen Abgabetermin u.ä.), sich also eine „Auszeit“ eigentlich nicht leisten können, aber partout nicht in „Schreibstimmung“ sind?

Ich versuche mich zu konditionieren wie einen (Pawlowschen) Hund. Heißt: Schreibzeit und Ort fest arrangieren, dann teile ich mir den Schreibprozeß in Stunden und Wochen so ein, daß ich eine klare Zeitlinie habe – Voraussetzung dafür ist natürlich, daß ein Plot bereits steht; und für jeden Tag, an dem ich durchgehalten und den Plot vorangebracht habe, belohne ich mich selbst mit einem Knochen.

Außerdem sind Boxen und Radfahren für mich regelrechte „Motivationslokomotiven“, speziell während des Fahrens bekomme ich oft eine Überfülle von Ideen, die mir dann wieder Lust machen, mich in den aktuellen Schreibprozeß zu versenken.

Hatten Sie schon einmal eine oder mehrere Schreibblockaden, die eine längere Zeit angehalten haben? Wie sind Sie darüber hinweg gekommen?

Die längste Schreibhemmung dauerte etwa anderthalb Jahre. Leider habe ich keinen Schimmer, wie ich darüber hinweggekommen bin, vermutlich lösen sich die meisten dieser Hemmungen mehr oder weniger von selbst, solange kein Trauma oder eine Psychose im Hintergrund lauern. Was mir geholfen haben könnte: die Musik (ich mußte nicht mehr schreiben, wenn ich nicht wollte, ich hatte andere Ausdrucksmöglichkeiten, das habe ich mir jeden Tag klarzumachen versucht, bis der Punkt kam, an dem ich wirklich wieder schreiben wollte), viel Sport (um Elemente der Selbstbestätigung und Selbstwirksamkeit wiederzugewinnen, die dann auch für die Kreativität hilfreich sind), und vor allem: Finger weg vom Selbstmarketing und dem Literaturbetrieb, die mich im Zweifel nur noch tiefer in die Lebenskrise gestürzt hätten. Denn eine Schreibhemmung ist – meiner Erfahrung nach – im allgemeinen immer Ausdruck einer generellen Krise im „System“.

Was machen Sie, wenn Ihnen nichts einfallen will?

Dann schreibe ich nicht. Zumindest nicht, wenn ich nicht in einer dezidierten Schreibphase bin. Ich muß das vielleicht erklären, denn ich habe dezidierte Schreibphasen, das bedeutet, daß sich meine Zeit drittelt: im ersten Drittel recherchiere, plotte und schreibe ich an neuen Projekten, im zweiten Drittel betreibe ich Selbstmarketing und gehe auf Lesereisen, um die fertigen Projekte an Frau und Mann zu bringen, und im letzten Drittel will ich vom Schreiben und der Literatur eigentlich nur in Ruhe gelassen werden. Ich kann auch gut einmal über Wochen hinweg nichts schreiben, oder nur tagebuchähnliche Aufzeichnungen, ohne daß es mir damit psychisch schlecht gehen würde. Es gibt ein Leben jenseits der Literatur, dem Himmel (oder wem auch immer) sei Dank!

Wie kommen Ihre Familie, Ihre Freunde, Ihr Umfeld mit Ihren „schreiberischen“ Gepflogenheiten zurecht?

Vergleichsweise gut. Meinen Freunden sage ich meist im vorhinein Bescheid, wenn ich abtauche für ein aktuelles Romanprojekt, die meisten zeigen dafür Verständnis, und in ganz akuten Fällen bin ich trotzdem immer ansprechbar.

Allerdings kämpfte ich zuletzt mit Projekten, die wirklich schwierige Themen zum Inhalt hatten (u.a. mit dem Genozid an den Armeniern), für die ich große Energiemengen aufwenden mußte; das Lesen über Leichenberge trägt nicht unbedingt dazu bei, daß man tags gut ißt und nachts gut schläft. Ein Freund hat mir in dieser Zeit eine SMS geschickt und angekündigt, sich wirklich erst dann wieder bei mir zu melden, wenn das Buch geschrieben und vollständig lektoriert ist, meine „Grätigkeit“ sei unerträglich. Damit mußte ich dann eben leben.

Und ich bin froh, daß er sich danach tatsächlich wieder bei mir gemeldet hat.

Ist es Ihnen schon passiert, dass Sie sich mit Ihrem Beruf als Schriftsteller/Schriftstellerin Ihren Mitmenschen gegenüber rechtfertigen mussten?

Permanent. Da ich schwerpunktmäßig auf dem Land lebe, ist das eigentlich ein Dauerthema, auch meine Tagesstruktur, die nicht so ganz ins Bild einer ansonsten suburbanen Lebenswelt paßt. Andererseits fand ich das immer einfacher zu handeln als in Berlin auf Parties in einer Masse von AutorenkollegInnen unterzugehen, die die ganze Zeit nur abschätzen, wo man im „Ranking“ wohl einzuordnen sei.

Wir haben uns diesen manchmal etwas seltsam anmutenden Beruf ausgesucht, dann müssen wir wohl oder übel auch die Konsequenzen tragen; und in einer Gesellschaft, in der (fast) nur anerkannt ist, was Wachstums- und Effizienzsteigerung verspricht, müssen wir den Mitlebenden erklären, wofür und warum KünstlerInnen wichtig sind. Oft genug sind die Reaktionen, wenn wir gute Argumente finden, auch viel weniger negativ, als man sie sich selbst ausmalt.

Empfinden Sie den Beruf des Schriftstellers/der Schriftstellerin als einen einsamen Beruf?

In der Tat, ja. Zumal ich vor der Entscheidung, mich komplett auf die Schriftstellerei zu werfen, Musiker war und die Abläufe in einer Band erfahren habe, von den ersten Songideen über die LP/CD-Produktion bis hin zur Tour; erfahren als einen sehr viel reicheren, belebteren, natürlich auch anstrengenden, aber doch in erster Linie lebendigen Prozeß. Diese Einsamkeit macht mir häufig zu schaffen, aber sie wird durch die unmittelbare Ausdruckskraft, die das Schaffen erfährt, wenn man keine Kompromisse mit anderen (z.B. Bandmitgliedern) eingehen muß, auch mehr als aufgewogen.

Abdruck aus dem Interview bitte nur gegen vorherige Anfrage an mich. Danke schön.

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