Anne Michaels: Fluchtstücke

Als einziger seiner Familie kann der siebenjährige Jakob Beer 1942 durch die Flucht in die polnischen Wälder der Deportation in die Vernichtungslager der Nazis entgehen. Er versteckt sich in einer prähistorischen Ausgrabungsstätte, wird von dem griechischen Archäologen Athos Roussos gefunden, der ihn unter Einsatz seines eigenen Lebens nach Griechenland verbringt und ihn dort jahrelang in seinem Haus vor dem Naziterror verbirgt. Er wird Jakobs Ziehvater. Nach Ende des Krieges erhält der Wissenschaftler einen Ruf nach Toronto, wo er sich seinem Lebenswerk widmet: der Aufarbeitung des Mißbrauchs geschichtlicher Forschungen durch die Naziideologie. Als er stirbt, ist Jakob allein, ein Fremder in einer fremden Stadt, in einer fremden Welt. Seine Beziehung zu Alex, seiner ersten Geliebten, scheitert an den Geistern der Vergangenheit, den Toten der Shoah, denen sich Jakob nicht zu entziehen vermag. Erst in Griechenland, wohin er in den späten sechziger Jahren zurückkehrt, findet er einen Umgang mit dem „Nachleben“ seiner Toten, um anschließend, wieder in Kanada, auch „die Richtige“ zu finden. Und dann, ein letztes Mal in Griechenland, mit ihr zusammen recht unspektakulär das Zeitliche zu segnen. Diesem ersten Handlungsstrang folgt eine zweite, deutlich kürzere Überlebenden-Erzählung, in der die nächste Generation einen Spiegel vorgehalten bekommt und die beinahe ganz ohne jede Story auskommt. Da sie auch nur äußerst unbeholfen mit der Geschichte des Jakob Beer verwoben ist und ihr keine eindringliche neue Facette verleiht, hätte sie Michaels vielleicht besser in eine eigenständige Erzählung ausgliedern und das Buch einfach „Fluchtstück“ betiteln sollen.

Der Roman ist zutiefst geprägt von einer aufdringlich bekundeten political correctness, die spätestens dann unkorrekt zu werden droht, wenn die Autorin das Ziel ihrer negativen Projektionen findet und statt von „den Nazis“ von „den Deutschen“ zu sprechen beginnt, die zum Grund und Kern alles Bösen auf der Welt werden und als einzige nie selbst zur Ehre der Opferrolle gelangen (die Michaels sogar „den Österreichern“ zugesteht). Daneben kommt „Fluchtstücke“ erstaunlich unauthentisch daher. Man gewinnt den Eindruck, hier habe sich jemand bienenfleißig und mit einem gerüttelt Maß Selbstdisziplin bemüht, sich in Überlebenden-Erzählungen der Shoah ebenso einzulesen wie in die Methodenlehren der prähistorischen oder geologischen Wissenschaft und in die Geschichte der griechischen Literatur, wodurch eine gleichförmig-eintönige und lehrerinnenhafte Monotonie entsteht, mit der der Gegenstand der Handlung eingegrenzt werden soll. Aber vielleicht liegt es einfach auch nur an der nicht persönlichen, sondern nur ideell-gefühlshaften Betroffenheit der Autorin durch ihr Sujet – was hat eine Kanadierin auch mit „den Deutschen“ zu tun, oder „den Polen“ (die sie vollkommen vergißt, ebenso wie sie den Ort des Geschehens, die Ausgrabungsstätte Biskupin in Polen, vollkommen vergißt), oder „den Griechen“ (die die Rolle der Gutmenschen vertreten, das müssen wirklich schöne Ferien gewesen sein, die sie dort verbracht hat), daß das Buch zu einer europiden Sauce gerät, die (üb-) erheblich nervt.

Zuzugestehen ist „Fluchtstücke“ allerdings eine großartige Sprache, die gekonnt lyrische Elemente in die Erzählprosa flicht und sie so vor der gänzlichen Erstarrung rettet. Einer der seltenen Beweise dafür, daß der Satz: „Wer seine Sprache nicht beherrscht, beherrscht auch sein Sujet nicht“ nicht stimmen kann.

Anne Michaels: Fluchtstücke (Fugitive Pieces) / Rowohlt 1999 (1996)

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