Ollääs bäzahlt

Budapest, Ostbahnhof, vor der sechsten Stunde. Nicht nur, daß es merkwürdig ist, daß hier alle aus dem Westen ankommenden Züge am Ostbahnhof ankommen, obwohl es im Westen der vereinigten Stadt, in Buda also, einen Bahnhof gibt (der allerdings Südbahnhof heißt, obwohl er im Norden liegt), es ist noch merkwürdiger, daß ich um diese Uhrzeit keine Metro zu meinem Hotel bekomme und auch keinen Taxifahrer, der wenigstens in Ansätzen Englisch oder Deutsch spricht. Es hilft nichts, die ungarischen Laute müssen sich aus meinem von der Morgenfrühe völlig beduselten Hirn einen Weg bahnen. Ich steige also ins erstbeste Taxi und sage den Straßennamen: „Benczúr út, kérem“. Der Taxifahrer zuckt mit den Schultern, fragt irgendetwas zurück, keine Ahnung, was, mein passives Ungarisch ist noch schlechter als mein aktives, ich freue mich nur noch auf meinen Kaffee, in dem das Pulver am Tassenboden Klumpen bildet und vage nach Vanille schmeckt, wie üblich in den Budapester Hotels, dort wird selbst der Kaffee parfümiert. Nach Rücksprache mit der Einsatzzentrale fährt es endlich auch los, dies fleischgewordene Bild magyarischer Daseinsfreude, das nicht nur ein Foto von seinem Pferd an der Frontkonsole angebracht hat, sondern auch einen Wimpel von Bayern München. Und das ausgerechnet mir. Schlecht ist mir doch ohnehin schon.

Wir fahren also durch den Pester Frühmorgennebel, und zwar, soviel kann ich erkennen, Richtung Süden. Das ist schon mal ganz schlecht. Ich erinnere mich verschwommen an den letzten Aufenthalt im gesuchten Hotel, es war vor zwei Jahren, im Rahmen einer Delegation des Schriftstellerverbands, mein Zimmer war eigentlich eine Anderthalbzimmerwohnung, ich hatte einen eigenen Zugang zum Lastenaufzug und einen Baustellentrupp vor dem Schlafzimmerfenster, der gegen sechs Uhr damit begann, Beton und Grimassen zu schneiden. Was aber viel wichtiger ist: das Hotel lag nördlich der Innenstadt. Ich frage also, ob wir nach Süden fahren (das Wort für Norden fällt mir beim besten Willen nicht ein), er nickt und zeigt nach Süden, und hier seien wir auch schon. Tatsächlich jagen wir an einem Straßenschild Benczúr út vorüber, allerdings in einem kreuzbeknackten Industriemischgebiet. Mit Händen und Füßen versuche ich ihm klarzumachen, daß das die falsche Straße ist, er fuchtelt zurück und zeigt ein- ums andermal aufs Straßenschild, also weiche ich taktisch aus und erkläre (‚erkläre‘, pah!) daß es wohl die richtige Straße, aber die falsche Gegend sei. Dann fällt mir ein, daß ja das Haus des ungarischen Schriftstellerverbands in der Querstraße lag – was Schriftstellerverband heißt, weiß ich nicht (der Reitfreak wahrscheinlich auch nicht), aber die Straße hieß Bajza út (merkwürdig, welche Selektionen unser Hirn in solchen Ausnahmezuständen vornimmt). Ich sage also immer und immer wieder: Benczúr út – Bajza út, und bilde dazu mit meinen Händen einen rechten Winkel. „A – haaaa!“ macht das Urvieh (das ist also auch international), wendet unvermittelt wie in einem schlechten amerikanischen Detektivfilm der 70er und murmelt etwas von „Benczúr Bajza“, während er nordwärts rast.

Ich bin froh, daß mir rechtzeitig das richtige eingefallen ist und verfalle in einen Sekundenschlaf, wecke mich aber, als wir das Stadion von Újpesti Dózsa passieren. Das ist jetzt doch schon entschieden zu weit im Norden, hinter Újpest hört Budapest auf. Gerade als ich protestieren möchte, fahren wir in die Bajza ein und biegen rasch ab in die Benczúr. Da sind wir nun. „Szám“ nölt er, „szám“, „19“ sage ich und wir kommen zum Stehen vor einem Gebrauchtwagenhandel. Draußen schlagen zwei Hunde an. Die Gegend ist mehr als unheimlich, vor allem bin ich hier aber komplett falsch und etwa einen halben Meter kleiner vor Unbehagen. Fürst Arpád möchte kassieren, ich versuche ihm klarzumachen, daß ich wieder ein Problem habe, er interpretiert das als Weigerung, den ersten Teil der Wegstrecke überhaupt bezahlen zu wollen und streicht immer hastiger und wütender seinen Schnurrbart, während er auf mich einschimpft. Um meine Bereitschaft zu zeigen, lege ich das geforderte Geld auf die Konsole, geradewegs auf den Pferdekopf, deute auf das Funkgerät und stottere etwas von „német beszélni“, irgend jemand von denen wird doch soviel Deutsch können, mein Anliegen zu verstehen. Mit einem Wisch streicht der Roßfürst seine Kohle ein, schüttelt dabei wie wild das schwere Haupt und kann sich nicht entschließen, die Einsatzzentrale anzufunken (dabei tun sie das sonst andauernd). Dafür weigere ich mich beharrlich, auszusteigen (nicht daß ich jetzt mehr Selbstbewußtsein hätte, aber die beiden Hundeviecher da draußen sind noch nicht einmal eingezwingert). Da er keine andere Lösung des Problems sieht, zieht er eine Straßenkarte aus der Westentasche, schlägt das Verzeichnis auf und zeigt mir: viermal Benczúr út in Budapest, allein zweimal in der Nähe einer Bajza út. Ich rücke, spät genug, heraus mit dem Namen des Hotels, er zuckt mit den Schultern. Natürlich. Schließlich ruft er doch die Einsatzzentrale an, es geht hin und her, ich höre „Benczúr … hupdada … Benczúr“ und unvermittelt die Frage: „Bääzirk, Bääzirk?“, und zwar synchron, vom Taxifahrer und der Frau aus dem Funkgerät. Jetzt zucke ich mit den Schultern. Was weiß denn ich, in welchem Bezirk ich absteige, das hat mich noch nie interessiert.

Dann rettet mich jedoch mein Journal, in das ich das letzte Mal, wie mir nun einfällt, eine Randnotiz, der Baustellen­gepflogenheiten wegen, geschrieben habe. Ich falle förmlich über die rechte Seite und sage erleichtert: „Terézváros, Theresienstadt.“ – „Aaah Benczúr út, Terézvárosban“ verstehe ich noch aus dem Gerät, dann schwallt eine Tirade auf Gyula ein (mein Fahrer hat also einen Namen), während er zum zweitenmal wendet und mich nach knapp fünfminütiger schweinischer Raserei, in deren Verlauf die Stimme nicht zu geifern aufhört, vor dem Hotel absetzt, „gutt“ murrt, „gutt“ und die flach vor den Bauch gehaltenen Hände mit rascher Akzeleration nach außen bewegt, um anzuzeigen: „Ollääs bäzahlt“. Ich steige aus, schlage die Tür zu und höre noch durch die geschlossenen Scheiben und die beim Anfahren quietschenden Reifen hindurch die Weiblichkeit am anderen Ende der Leitung. Ein bißchen tut mir Gyula jetzt leid, Bayern München hin oder her. Aber am meisten tu ich mir leid, weil ich beim sofort beantragten Frühstück keinen Kaffee bekomme. Die Maschine ist hin. Oder abgeholt. Da nicht bäzahlt.

 

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