Dimitri Verhulst: Die Beschissenheit der Dinge

Dimitri, genannt Dimitrieken, wächst im Haus seiner Großmutter auf, in dem auch sein versoffener Vater und dessen drei nicht weniger versoffene jüngere Brüder untergekrochen sind, nachdem sie samt und sonders von ihren Ehefrauen zum Teufel gejagt wurden. Schon Dimitriekens erste nachgeburtliche Erfahrung soll zeigen, wohin für ihn der Weg führt: sein Vater schleppt ihn auf dem Fahrrad von einer Kneipe in die andere, um das sexuelle Versehen vorzuzeigen und dabei ordentlich zu begießen.

Dimitris Leben wird fortan geprägt sein vom Verhältnis zu seiner proletarischen Meschpoche, die, mutig wie die Existentialisten, sich der Chancenlosigkeit ihrer Schicht und der Sinnlosigkeit des Daseins an sich stellt, indem sie es saufend vernichten, ihr Schicksal Tag für Tag abzutragen wissen („Gott schuf den Tag, und wir schleppten uns hindurch“). Eine Meschpoche, auf die er trotzig stolz ist, weil er weiß, daß man einander liebt und aufeinander bauen kann; ganz im Gegensatz zur (Kultur-) Bourgeoisie, auf die man im gleichen Maße herabsieht wie sie auf das Prekariat und die dessen neueste Dummheiten belustigt im Unterschichtenfernsehen verfolgt oder seine Sauflieder bestenfalls als Teil eines volkskundlichen Forschungsprojekts dokumentierend zur Kenntnis nimmt. Von beiden muß Dimitri sich freizukämpfen lernen, um sein Leben selbstbestimmt in die Hand zu nehmen.

Mit den Mitteln einer fiktiven Autobiographie rechnet der erst 35jährige Verhulst mit einer Gesellschaft ab, die billigend in Kauf nimmt, jeden Tag neuen menschlichen Bodensatz zu schaffen und dabei ein Tänzchen auf dem Vulkan wagt. Und er tut das, ohne auch nur einmal weinerlich zu werden. Die grandiose „Sauf-Tour-de-France“ ist nur der komische Höhepunkt eines durch und durch so lakonisch wie humoresk erzählten Buchs, das keinen Hehl daraus macht, daß es die Tragik des Lebens kennt und erkennt und sich ihr mutig, eben mit den Mitteln der Humoreske, stellt. Wer „Populärmusik aus Vittula“ mochte, wird auch hieran sein Vergnügen haben – nur daß Verhulst der eindeutig bessere Erzähler ist. Ein fantastisches Leseabenteuer, und ein Autor, der noch mehr von sich reden machen wird.

Dimitri Verhulst: Die Beschissenheit der Dinge (Roman). Luchterhand 2007

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