Ein paar von euch nehm ich noch mit

„Müssen wir mit Ehrfurcht nach Erfurt blicken.“ Spontisprüche, 21. Jahrhundert. Da sitzen jetzt alle wieder zusammen und vergießen Krokodilstränen, die offiziösen Vertreter der Gesellschaft. Und sofort wird das Geschrei der einen wieder laut, die die längst fälligen Reformen für das 21. Jahrhundert in einem möglichst eng begrenzten Rahmen vorangebracht wissen wollen; insgesamt also wursteln wie bisher und gleichzeitig Schulen in Festungen verwandeln, die man nicht einmal mit einem Schuhlöffel im Ranzen betreten kann. Das Geschrei der anderen ist nicht ganz so laut, aber ebenso launig. Die faseln nämlich von gesamtgesellschaftlicher Verantwortung, davon, daß die Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen ein erschreckendes Maß angenommen habe. Und daß das gewiß zurückzuführen sei auf Gewalt in den Medien und auf LAN-Parties, auf denen sich die Kids nächtelang gegenseitig die virtuellen Rüben wegballern. Eine typische Antwort für unsere ohnmächtigen sogenannten Wertkonservativen, die eben auch mal was beitragen wollen zur Aufarbeitung solcher Ereignisse. Nicht gerade spannend: Die Medien. Gewiß, die Medien und die LAN-Parties, ach Gott ja!

Und was sonst? Was passiert denn um uns herum seit einigen Jahren? (Lassen wir die Medienverantwortung und die LAN-Parties, die ganz sicher nicht von potentiellen Amokläufern aufgesucht werden – ganz andere Klientel! – mal außen vor.) Wir erleben jetzt schlicht die Kehrseite eines gesellschaftlich durchgehechelten Hyperindividualismus, der sich einfach nimmt, was man ihm zu verweigern droht. Alles im Rahmen des täglich Erfahrbaren und rollenmäßig Vorgelebten. Einmal eine Berühmtheit sein, selbst das gehört dazu, und zwar genau zu einem von allen gesellschaftlich wirksamen Kräften aufgeblasenen Ego, das aufgeblasen wird und aufgeblasen und angefeuert, und dann, irgendwann, ganz plötzlich, von da nicht mehr abgeholt wird, keinen Platz erhält, nicht hier und auch anderswo nicht. Weil wir Plätze in dieser Gesellschaft eben lieber abbauen, und nicht allein Arbeitsplätze.

Und was außerdem? Seit der sogenannten geistig-moralischen Wende von 1982 erleben wir doch ein durch und durch auf gewalttätiges Ellbogendenken, Egomanie und Geldgeilheit ausgerichtetes, völlig wesensverflachtes und wertgehemmtes Völkchen. Die Tatsache, daß jetzt ausgerechnet die längst eben nicht mehr wertkonservative, sondern neoliberale CDU, Hauptverursacherin dieser katastrophalen Entwicklung, als Hüterin des Wertkonservatismus vorprescht, ist purer Zynismus. Und leider nur die Hälfte der dampfenden Kacke. Bitter ist für mich auch, daß ich als ehemaliges SPD-Mitglied tatsächlich einmal dachte, diese Koalition könnte noch einmal eine Wende der Wende durchsetzen. Und jetzt in dieser Peepshow auf allen Kanälen nur dieselben wertgehemmten, neoliberalen, geldgeilen Egomanen sehe, die Krokodilstränen vergießen. Und nur deshalb nicht selbst schießen, weil sie ihre Schäfchen längst im Trockenen haben. Und ihre Tränchen auch.
Was werden wir jetzt als nächstes erleben? Wie sich die potentiellen Nachahmer von Erfurt zuraunen: „Ok – Du hast 18 geschafft. Respekt. Aber das werd ich locker toppen. Locker.“ Bevor sie – Nummer 23 – ihre eigene Hirnflüssigkeit im Raum zermatzen. Sportliches Denken. Da wird man doch wenigstens einmal abgeholt. Oder hat das Gefühl, man werde es.

Vor einer Woche hat mir ein Freund eine Frustmail folgenden Inhalts geschickt:

„Alles gedacht. Alles gesagt. Alles getan.
Alles entdeckt.
Alle Biere getrunken. Auch alle Schnäpse. Alles schon gegessen.
Alles schon mal dagewesen.
Alle Pfründe vergeben. Alle Stühle besetzt. Mit breitem Arsch. Alle Eingänge verstopft. Alle Durchgänge verstopft. Alle Ausgänge versperrt.
Alle Überzeugungen ausgemerzt. Alle Utopien ausgeträumt. Mit allem nur Erdenklichen aufgeräumt.
Alle Gelder vergeben. Alle Stellen vergeben. Alle Banken ausgeräumt.
Und diese Generation ist nur dazu da, die Bevölkerungspyramide etwas harmonischer zu gestalten. Wir sind eine Generation von Chancenlosen, von Epigonen. Eine Generation, die nicht hätte „hochkommen“ dürfen. Eine Gesellschaft, die sich eine solche Generation leistet. Brauchen will uns keiner. Chancen gibt man uns nicht, eröffnet uns keine neuen Wege, niemand dankt ab, niemand räumt seinen Stuhl, niemand will irgendwo noch Förderungen reinbuttern. Gebuttert wird sowieso schon seit einiger Zeit nicht mehr. Trotzdem brav bleiben, trotzdem still halten. Diese Gesellschaft leistet sich eine solche Generation, rausgeschickt und anschließend im Regen stehen gelassen, aber sie ist nicht bereit, dafür zu bezahlen. Wer Mist baut, muß aber bezahlen, irgendwann. Und irgendwann werden Generationen von Amokläufern, die ihre Energien nicht mehr bei sich behalten können, diese Straßen bevölkern und alles neu denken, alles neu schießen, alle Stühle räumen, alle Eingänge freischießen und alle Durchgänge.“

Ein Bekloppter? Sollte ich den jetzt besser anzeigen? Aber müßte ich dann nicht jeden dritten männlichen Mitbürger zwischen 15 und 35 anzeigen, der da draußen rumläuft und sein Ego nicht mehr auspendeln kann. Und mich als ersten.

Nö. Einigen wir uns doch lieber auf die Festungsmethode und das Wursteln wie bisher. Und einstweilen warten wir darauf, daß unsere Ärsche auf unseren Schreibtischstühlen hübsch festwachsen.

 

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