Kampfszene im Rauch: Aus dem Tour-Tagebuch

Zweite verkaterte Nacht in Folge. Vom Morgen gar nicht zu reden.

Mitten in der Nacht aufzuwachen und zu spüren, wie die Wirkung des Alkohols nachläßt und die unerschöpfliche Minierarbeit des Katers beginnt. Gehört zu den sieben Grundübeln des Daseins. Die Rumänen erzählen sich, man solle nie eine gerade Zahl von Tagen hintereinander trinken. (Notiz an mich: Nächstens zu berücksichtigen.)

Schlag 7.00 Uhr: Gähngeräusche unterhalb des Fensters. Kurzentschlossen schließe ich es. Unablässige, ungedämpfte Gähngeräusche, jetzt bei geschlossenem Fenster. Mir war gar nicht aufgefallen, daß jemand diese kalte oberfränkische Nacht im Hinterhof zugebracht hat. Rasch stellt sich indessen heraus, daß Bruno ihn eben erst betreten hat, da Gerd oder Kurt (das ist in der örtlichen Mundart nur schwer zu entscheiden) ihn anblafft, er solle das Gähnen unterlassen, schließlich sei das „fei anstegglich, Bruno“. Worauf Bruno mit einem noch lauteren und langgezogeneren Gähnen erwidert, das in einem reinen zweigestrichenen F endet (die Qualen des absoluten Gehörs, dazu der Brand, die Schädelschmerzen und Gerd-Kurts Feixen). Sieben Minuten vergehen, bis ich wieder auf das Display meines Handys sehe. Mittlerweile hat Gerd-Kurt Bruno abkommandiert, das Leergut einzusammeln, es wahlweise durch den Hof Gassi zu führen, jedenfalls vernehmlich mit Flaschen zu klappern und dabei alle zwei Minuten allegro moderato in F zu gähnen. In meiner Verzweiflung gehe ich strullern und spüle mir den Mund mit Duschgel (‚Fenjala‘, hilft erfahrungsgemäß kurzfristig gegen den Brand und gegen den Kater – oder zumindest hat man dann mittelfristig ganz andere Probleme). Ich schalte das Licht in der Naßzelle nicht aus, weil mir das tieffrequente Rattern des Ventilators vielleicht dabei helfen könnte, Brunos morgendliches Kreislaufjogging zu übertönen. Und siehe: als ich das nächste Mal auf das Handy sehe, ist es bereits 10.30 Uhr. Bis 11.00 gibt es Frühstück. Vielleicht habe ich noch Chancen.

Der Rest der Band sitzt längst am Tisch, als ich den Gastraum betrete. Aus den Boxen tönt Smokie: Lay back in the arms of someone. An zwei Tischen hockt je ein Mittfünfziger vor seinem Hefeweizen. Der eine sieht auf und schüttelt das Dünnhaar, als er mich erblickt, der andere nimmt keine Kenntnis von mir. Kein Wunder: während sich der Sichtige erst am zweiten Glas abarbeitet, hat sich der andere schon wacker durch sein halbes Tagespensum gekämpft. Während ich mich setze, behalte ich den Dauerglotzer ebenfalls im Auge – das alte Spiel, das wir noch von unserer Reptilnatur her zu spielen gewöhnt sind: wer zuerst wegsieht, hat verloren. In unserem Fall ist er’s, der verliert, weil sich die Bedienung, eine smokiegesichtige Enddreißigerin mit Wallehaar, an seinen Tisch setzt. Diesem Doublebind ist er nicht gewachsen und weicht schließlich mit den Blicken in Richtung Fenster zur Hauptstraße aus. „No, kriech mer a gschaid’n Rech’n, Bruno?“ fragt ihn die Bedienung. Wenigstens weiß ich jetzt, mit wem ich es bei meinem Kontrahenten zu tun habe. Ich hoffe auf ein sonores Gähnen, werde aber enttäuscht. Er schüttelt nur den Kopf und sagt langsam: „Jooooa.“

Zehn Minuten später habe ich Blümchenkaffee mit Käsebrot vor mir stehen und weiß, daß sich damit wenigstens der Kater erledigt haben dürfte. Inzwischen sind wir bei Paper Lace: The night Chicago died angekommen. Ich beiße in mein Brötchen und versuche mich daran zu erinnern, wie Gouda schmecken sollte. Kein Wiedererkennungswert.

Unvermittelt steht sechs leere Gläser auf, fuchtelt, stößt dabei sein volles Glas um und setzt sich kleinlaut wieder. Dann entreißt sich seinem Mund ein langgezogenes Pffffffatipüüüüüh-Pffffffatipüüüüüh. I heard my mama cry / I heard her pray the night Chicago died. Mein Keyboarder hat seine Selbstgedrehte zu Ende geraucht und stimmt sachte in das gastwirtschaftliche Gedudel ein. Unterdessen habe ich meine Erinnerung in Sachen Käse wiederauffrischen können, entdecke indes keine fruchtbare Übereinstimmung mit dem Geschmack, der sich auf der Zunge breitmacht. Lediglich merkwürdige Taubheitsgefühle, nicht unähnlich dem Zustand, nachdem ich Paranüsse gegessen habe. Ich lehne mich zurück auf der rustikalen Eckbank – Brother what a night the people saw / Brother what a fight the people saw / Yes indeed! – und spüre einen stechenden Schmerz im unteren Rücken. Umständlich entferne ich aus der Gesäßtasche die Reste meines am gestrigen Abend durchgespielten Saxophonblatts und vergesse auch nicht, die querliegenden Spreißer zu ziehen, die sich durch die dünne Cargohose gebohrt haben. Schilf kann hundsgemein sein.

Es geht auf 11:30 Uhr. Der Gastraum füllt sich. Ein graurotes Holzfällerhemd, das die 60 auch schon länger hinter sich gelassen hat wie eine mit Scherben gespickte Schwelle, stützt seine weit vornübergebeugte Mutter. Er setzt „Muddi, gell, fei schö sitz’n bleib“ an einen der freien Tische, meinem natürlichen Blickfeld genau gegenüber. Muddi sitzt, brummelt und grummelt, hört vom Holzfäller noch ein eindringliches „Gell, dassdmer fei schö sitz’n dusd“, bevor er sich breitgängig auf den Weg zur Toilette macht, sie aus der altrosa Strickjacke eine Kippe zieht und sich, mit geschmeidigeren Bewegungen als man vermutet, mit einem Feuerzeug selbst behilflich ist. Sie bricht in ein unterdrücktes Husten aus. Schön-Smokie stellt ein Glas mit undefinierbarer Farbe vor sie hin. Muddi nippt daran, raucht, hustet. Der Holzfäller kehrt zurück, zupft sich auf dem Weg zum Tisch noch eben die extralarge Hose über den spannenden Schritt. Setzt sich. An die lange Seite des Tischs. Sitzt zur Rechten der Mutter. Verschränkt die Arme über der Brust. Zu richten die Lebenden und die Toten. Sitzt. Verschränkt. Und Muddi raucht, hustet, raucht und hüstelt, dann raucht sie nur noch. Beim zweiten Brötchen angekommen (vielleicht ist das auch gar kein Käse, sondern Gelbwurst?) stehen drei Viertel der Band auf, nur der Keyboarder hat sich eine neue Zigarette gedreht und – Gott sei’s gedankt – den übrigen Text ab And there was no sound at all / But the clock upon the wall vergessen. Dann höre ich, wie der Holzfäller über das Wetter schwadroniert. Da sich sein Tonfall verändert hat, gehe ich davon aus, daß er Selbstgespräche führt, denn immer wenn er Muddi anredet, bekommt er dies Kleinkinder- und Golden Retriever-Gesabbel; aber weit gefehlt: mit noch strenger über der Brust verschränkten, nachgerade verknoteten Armen faselt er in die rauchschwangere Luft vor sich und spricht dabei die mittlerweile am Stammtisch in seinem Rücken plazierten Kegelbrüder an. Die dann und wann mit „Fei“ oder „Basst scho“ antworten.

11:45. Auch mein Keyboarder gibt auf. Ich versuche, den vom Ramazzotti übriggebliebenen Nachtgeschmack mit dem Rest des Kaffees zu vertreiben. An meinen Tisch setzen sich, nicht ohne vorher höflich gefragt zu haben („Äh, do?“ – „Ja, hier ist frei.“ – „Hmhm.“), Vater (Opa?), Mutter (Oma?) und vielleicht dreizehnjähriger Sohn (Enkel?). Während der Alte, der sich, obwohl am selben Tisch, so setzt, daß ich nur seinen Rücken sehe, eine Schweinshaxe, aber fei mit Folie, bestellt, zieht sein Gespons Zigaretten und der Kleine bekommt Limo, aber fei mit Strohhalm. Wenig später mampft er, raucht sie und blubbert der Kleine gelangweilt in seiner Limo, immer bestrebt, zu lesen, was auf meinem Kapuzenshirt steht (‚használat előtt felrázandó!‘ – seit heute ist Ungarn in der EU – hurra!). Da indes sein Erziehungsbeauftragter mit Knabbern und die -beauftragte mit lustigen Paffwölkchen beschäftigt ist, traut er sich nicht zu fragen und gibt sich ganz seiner Limo hin. Schließlich sucht er, den Umfang der (groß?)mütterlichen Wolken mit seinen Luftblasen zu übertreffen, scheitert aber an dem zu kurz geratenen Glas. Rasch bildet sich ein See auf dem Tischtuch. Roten Kopfes sieht der Kleine davon auf und zum knurpselnden Alten hin und wischt die verschüttete Limo verschüchtert mit seinem Handrücken vom Tisch. Ziemlich genau in meinen Schritt.

Als ich den Tisch verlasse, sehe ich, daß auch Blubberlimo ein bedrucktes T-Shirt trägt: Chicago Bulls. Bißchen zuviel Chicago für meinen Geschmack. Ich habe die Türklinke schon in der Hand, höre ein sonores F-Gähnen aus dem hintersten Winkel des Gastraums und sage leise: „Bruno, Bruno, jetzt ist’s zu spät“, bevor ich die Tür hinter mir zufallen lasse. Pffffffatipüüüüüh-Pffffffatipüüüüüh macht der Türdämpfer.

Beim Beladen des Autos kommen mir noch einmal Holzfäller und Muddi entgegen. Vor dem Überqueren der leeren Hauptstraße hakt er sie enger unter: „Muddi, dassdmer fei schö aufbassd.“ Und setzt, mit kurzem ergebnislos-elegischen Blick, den er zum Himmel wirft, hinterdrein: „Wann’s doch nur noch a gschaid’n Rech’n gibt.“

(Zapfendorf, Maifeiertag 2004)

 

Teilen: 
Share