Lisa-Marie Dickreiter: Vom Atmen unter Wasser

Sarah, die 16jährige Tochter der Bergmanns, ist vergewaltigt und getötet worden. Ihr Mörder sitzt längst hinter Schloß und Riegel, das Leben sollte irgendwie weitergehen, aber was tun, wenn es einfach nicht gehen will, schon gar nicht ‚weiter‘?!

Etwa ein Jahr später, kurz vor dem Jahrestag des Mordes, wird Simon, der Bruder der Getöteten und eine der drei Perspektivfiguren, von seinem Vater Jo ins Krankenhaus beschieden: Mutter Anne Bergmann hat versucht, sich das Leben zu nehmen. Der Vater bittet den 20jährigen, der übers Jahr versucht hat, in seinem Medizinstudium, in einem Studentenwohnheim ein eigenes Leben aufzubauen, wieder zu Hause einzuziehen, um die labile Mutter zu überwachen, die den Tod der geliebten Tochter nicht überwinden kann und nicht überwinden will. Aber kaum wieder im Elternhaus eingezogen, stellt Simon fest, daß die Familie längst zerbrochen ist und er zum Spielball der komplexen Elternbeziehung und der Trauerarbeit seiner Mutter wird. Weil aus Sarahs Lebzeiten nur wenige Super8-Filme existieren, beginnen Simon und Anne, Filme zu drehen, die Tod und ‚Nachleben‘ des Mädchens dokumentieren. Das ganze entgleitet, und Simon wird immer tiefer in die Abgründe der mütterlichen Trauerarbeit gerissen.

‚Vom Atmen unter Wasser‘ ist ein Buch über das Überleben. Eines der genauen Beobachtung und der lebendigen realistischen Schilderungen. Psychologisch höchst raffiniert in seinen Symbolen und Bildern, dabei so eindringlich, daß mir beim Lesen so mancher Szene ein Kloß im Hals drückte und der Schweiß auf der Stirn stand; ein Roman, der szenisch perfekt gebaut ist, mit größter erzählerischer und stilistischer Raffinesse geschrieben, aber dabei so gestaltet, daß er auch Wenigleser beeindrucken wird durch seinen Tiefensog, durch den Spannungsaufbau und die äußerst lebhafte Gestaltung seiner Charaktere, die, mit ihren ganzen Schwächen, dem Leser im Laufe der Geschichte immer mehr ans Herz wachsen.

‚Vom Atmen unter Wasser‘ pulverisiert nachgerade einen Gutteil der neueren deutschsprachigen Literatur und läßt dessen Bücher zu Büchlein werden. Wenn die Jury des deutschen Buchpreises nicht ganz bescheuert ist, dann weiß sie, daß es dieser Roman mindestens in die Short List bringen muß.

Lisa-Marie Dickreiter: Vom Atmen unter Wasser (Roman) / Berlin-Verlag 2010

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