Literatur aufräumen

Die Idee

Kein Mensch braucht Literatur. Zumindest braucht kein Mensch Literatur, die nicht aufgeräumt ist. Literatur hat, ihrer Verfasser wegen, jedoch die Tendenz, nicht aufgeräumt zu sein. Zumindest ebenso wenig aufgeräumt wie ihre Verfasser.

Angesichts eines hart umkämpften Freizeitmanagementmarkts und eingedenk der Tatsache, daß das Land der Dichter und Denker einer nachhaltigen kulturellen Verblödung entgegengeht, die nicht oder nur randständig mit den einschlägigen, deutschlandweit ins Leitungswasser verklappten Demenzmitteln erklärbar ist, haben wir seit Jahren keine Kosten und Mühen gescheut, um die wichtigsten Werke der Weltliteratur nun endlich in eine lesbare, kräfte- wie substanzschonende, jedoch v.a. platzsparende Form zu bringen.

Wir fühlten uns hierbei ganz dem Wehrli-Prinzip verpflichtet. Der Schweizer Typograph Ursus Wehrli ist seit Jahren in seinem großen Projekt „Kunst aufräumen“ damit beschäftigt, Kunst übersichtlich und kostengünstig zu gestalten. Die Methode zeitigt bereits einen erstaunlichen Erfolg: Wehrli hat es geschafft, Kunst darauf zurückzuführen, was sie immer war und eigentlich ist – ein Setzkasten von Farben, Formen, Längen und Größen.

Was indessen in der Bildenden Kunst zu leisten ist: sollte es nicht auch in der Literatur, der edelsten aller Künste, zu machen sein? In der Tat. Nach aufwendiger Suche nach der rechten Aufräum-Methode haben wir uns vor wenigen Monaten für eines der auf dem Markt am leichtesten erhältlichen und zugleich effektivsten Komprimierungsmittel entschieden: die Microsoft Office-Suite.

Die Aufräum-Methode

Microsoft Word 2002, AutoZusammenfassen. Word sucht die „Themenschwerpunkte“ des Dokuments und erstellt, unter Beibehaltung von „shape’n structure“, ein komprimiertes Rumpfdokument von maximal 1% Länge des Originaltexts, der in unserem heutigen Fall – Goethes Werther – etwa 100 A4-Normseiten mißt.

Das für heutige Schülergenerationen kaum lesbare, bodenlos lange, -weilige, -wierige und -wuschige Originaldokument wurde dabei zitiert nach: Digitale Bibliothek Band 1, Deutsche Literatur von Lessing bis Kafka. Leider war literaturwissenschaftlich nicht exakt zu eruieren, welcher Ausgabe man dort gefolgt ist. Nach Prüfung der wichtigsten Textstellen befand Dr. phil. habil. Ioan Radulescu, daß es sich im Zweifelsfall wohl um die Edition Letzter Hand, besorgt von Carl Theodor Musculus, Stuttgart 1835, handeln müsse.

Der größte Vorteil der Methode besteht in ihrer Nachprüfbarkeit: angesichts von Lessings Nathan der Weise als Probetext konnten wir das Werkzeug AutoZusammenfassen ressourcenschonend unter gesteigerten Schwierigkeitsgraden testen. Bei wechselnden Betriebssystemen (Windows XP, 2000, 98, 95), Lichtintensitäten (totale Verdunkelung des Raums / Laptop auf freiem Feld am Oberrheingraben), unter starken Temperaturschwankungen (große südfranzösische Sommerhitze / lausiger irischer Herbstregen) unter Einfluß von legalen und weniger legalen Drogen (Berentsen Apfelkorn / gereinigte Politur): der aufgeräumte Text war der immerselbe, war die Quintessenz, war das Elixier, gleichsam die hohe, die höchste und reinste Potenz des Originals.

Wir danken bei dieser Gelegenheit der Firma Microsoft für die probehalber zur literarischen Komprimierung überlassene Ausgabe der Office-Suite 2002, sowie dem Gemeinderat des Markts Carndonagh, County Donegal, für die großzügige finanzielle Unterstützung des Projekts Literatur aufräumen.

Martin von Arndt, Ioan Radulescu, Kate Harris im Oktober 2004

Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther (aufgeräumte Version)

Wie froh bin ich, daß ich weg bin! Bester Freund, was ist das Herz des Menschen! Dich zu verlassen, den ich so liebe, von dem ich unzertrennlich war, und froh zu sein! Ich weiß, du verzeihst mir’s. Ach das engt das ganze Herz so ein. Ich ließ das gut sein. Ich war kein Mensch mehr. »Albert ist ein braver Mensch, dem ich so gut als verlobt bin.« Ja, lieber Wilhelm, meinem Herzen sind die Kinder am nächsten auf der Erde.
Mein ganzes Herz war voll in diesem Augenblicke; die Erinnerung so manches Vergangenen drängte sich an meine Seele, und die Tränen kamen mir in die Augen. Frau M.. Der alte M.. Alle Begier schweigt in ihrer Gegenwart.
Ich liebe die Subordination nicht sehr, und wir wissen alle, daß der Mann noch dazu ein widriger Mensch ist. Ich könnte das beste, glücklichste Leben führen, wenn ich nicht ein Tor wäre. Gewiß, Albert ist der beste Mensch unter dem Himmel.
»Paradox! sehr paradox!« rief Albert aus. Albert, du warst im Zimmer. Leb‘ wohl, Lotte! Leb‘ wohl, Albert! Wir sehn uns wieder.« Wie ich hereintrat, überfiel mich Ihre Gestalt, Ihr Andenken, o Lotte! so heilig, so warm! Guter Gott! der erste glückliche Augenblick wieder.
Reden. Sie hat viel Seele, die voll aus ihren blauen Augen hervorblickt.
O ich würde rasend werden, wenn sie vergessen könnte – Albert, in dem Gedanken liegt eine Hölle. Gut.
Jedes Wort, das sie sprach, ging mir wie ein Schwert durchs Herz. Lieber Wilhelm!
Zwar er liebt sie von ganzer Seele, und so eine Liebe, was verdient die nicht!
Ein unerträglicher Mensch hat mich unterbrochen.
Ich besuchte mein gutes Weib unter der Linde. Ossian hat in meinem Herzen den Homer verdrängt.
Lotte. Heute ist mir ihr Blick tief durchs Herz gedrungen. – »Wohl, mein armer Sohn!« versetzte sie. Mir kamen die Tränen in die Augen. Ich danke deiner Liebe, Wilhelm, daß du das Wort so aufgefangen hast. »Nur einen Augenblick ruhigen Sinn, Werther!« sagte sie. O Lotte! heut oder nie mehr. Weihnachtsabend hältst du dieses Papier in deiner Hand, zitterst und benetzest es mit deinen lieben Tränen. Lebe wohl, ruhiger Strahl. Unsere Tränen flossen um Colma, und unsere Seele ward düster.
Seine Seele war wie Fingals Seele, sein Schwert wie das Schwert Oskars. – Aber er fiel, und sein Vater jammerte, und seiner Schwester Augen waren voll Tränen, Minonas Augen waren voll Tränen, der Schwester des herrlichen Morars.
Ein Strom von Tränen, der aus Lottens Augen brach und ihrem gepreßten Herzen Luft machte, hemmte Werthers Gesang. Lotte ruhte auf der andern und verbarg ihre Augen ins Schnupftuch. Leb wohl auch du!
Liebe Mutter, verzeiht mir! Tröste sie, Wilhelm! Gott segne euch! Meine Sachen sind alle in Ordnung. Lebe wohl! ich will es enden. Meine Seele schwebt über dem Sarge. Die Lieben! Sie wimmeln um mich. Albert trat herein. Der Alte folgte der Leiche und die Söhne, Albert vermocht’s nicht. Man fürchtete für Lottens Leben.

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