Nils Mohl: Kasse 53

Jesus wäre ein prima Kassierer gewesen!

Eine Woche im Leben eines namenlosen, in einem Hamburger Kaufhaus arbeitenden und in der Platte am Stadtrand wohnenden Kassierers. Eines Kassierers, der mit Herz und Hirn bei der Sache ist, dafür aber nicht so recht zu sagen weiß, wie es eigentlich kam, daß er Kassierer geworden ist. Dafür weiß er umso genauer anzugeben, weshalb er es noch immer ist: das Kassieren ist eine Kunst von hoher Intensität, und diese Kunst, erweitert um die an Sarkasmen und Humor ausgesprochen reiche Innenwelt unseres Endzwanziger-Kassierers, stellt Nils Mohl auf 200 stilistisch von wunderbarer und selten gewordener Sicherheit gestalteten Seiten vor.

„Dass man gut vierundzwanzig Arbeitsstunden und rund zweitausend Kunden nach Wochenstart den Eindruck hat, es sind nicht Krethi und Plethi, sondern Krethi, Plethi und Yeti unterwegs, ist nicht verwunderlich: Reizüberflutung. Der Donnerstag kommt einem immer so vor wie der Tag der Gestörten und Kaputten, wie der Tag der Seligen, Dummtröpfe, Paradebilen, Teilverwirrten, der Halbidioten, wie der Tag der Narren, Tölpel, Simpel und Toren, wie der Tag der Trottel, Volldeppen und Komplettdefekten.“

Die ungewöhnliche, den Leser direkt ins Geschehen einbeziehende Du-Perspektive, die zuweilen in eine neutrale, eine Erzählperspektive des ‚Man‘ übergeht, das vage Schwebende der inneren Monologe, die von einer nachgerade naturwissenschaftlichen Versuchsanordnungs-Diktion und einer teilnahmslos-beobachtenden Haltung durchzogen sind, auch die bis ins Detail genauen und lebensechten Darstellungen von Menschen (der Spezies ‚Kunde‘), ohne jede Sentimentalität vorgetragen, haben mich an niemand Geringeren als an Alain Robbe-Grillet denken lassen. Oder auch an Michel Butor. Nicht zufällig sind sie, die Anklänge an den Nouveau Roman.

Sicher, dadurch ist ein nicht gerade plotorientiertes Buch entstanden, Figuren im klassischen Sinne gibt es auch keine; bisweilen erinnert ‚Kasse 53‘ mehr an eine hochironische Einzelhandelsreportage im Stil der späten Sechziger Jahre als an eine konventionell erzählte Geschichte. Und gerade dies macht es in einer Zeit der gesichtslosen und ununterscheidbaren kulturindustriellen Hochproduktion, auch und gerade in der deutschsprachigen Belletristik, zu einem Kleinod. (Zumal das Buch, dies nur am Rande vermerkt, perfekt lektoriert und gestaltet ist. So etwas erlebt man bei Großverlagen schon lange nicht mehr, da muß man zu Achilla-Presse greifen.)

Dieses Buch zu lesen ist höchster Genuß! Vor allem für all die, die Nils Mohls wunderbare Welt zwischen den Zeilen aufzuspüren vermögen.

Nils Mohl: Kasse 53. Achilla Presse 2008

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