Dear Policeman I am God

Literarische Predigt vom 10.11.2002 in der Johannes­kirche zu Fellbach-Oeffingen

Einer spricht:
Krieg ist, und es wird immer Krieg bleiben.
Du tust nicht den Schritt, ohne ihn zu beweinen. Du schläfst nicht, und wiegst du dich im Bette, stößt stetes Pochen dich zurück in dein Etwas. Das sind die Eingeschlossenen. Hast du sie bemerkt einmal, vergißt du den Laut nicht wieder. Und doch ist es nicht schwer, zu leben in solcher Zeit.
Die Großen unter den Opfern bereiten mir keine Angst, es sind die kleinen Toten, die wenig mehr denn Schnellvergessenen, die mir den Traum nicht gönnen. Die Liebe. Die Kunst.
Es sind diese kleinen Gräber, die kleinen weißen Gräber, die Asche, der mickrige Rest Asche, der mich ins Schweigen treibt.
Die kleinen weißen Lilien. Es ist Krieg heute.
Nur noch Krieg.

Liebe Gemeinde!

Dies ist der Text eines 20jährigen. Der 20jährige war ich.

Literatur spiegelt. Sie soll ein Spiegel für das Gefühlsleben sein; oder aber: ein Fühler, eine Antenne für die Gefährdungen, denen der Mensch ausgesetzt ist.

Eine nicht mehr ganz junge Leserin hat mir vor einiger Zeit geschrieben, wie erschreckend und verunsichernd sie es findet, wenn ein junger Mensch solche Texte schreibt, weil sich so wenig Jugend und Unbekümmertheit darin ausdrücke.

Nun, wenn man den führenden Entwicklungspsychologen unserer Tage trauen darf, so ist das Kind, der Teenager, ist der junge Mensch von heute aufgrund der veränderten Erwartungshaltungen des 21. Jahrhunderts viel weniger Kind, Teenager, junger Mensch als noch vor wenigen Jahren. Er muß viel schneller reifen, viel schneller „komplett“ sein für einen veränderten Arbeitsmarkt. Und die Geschwindigkeit, in der diese Reifung stattfindet, sei nur der der Kriegskindergeneration vergleichbar.

Krieg ist, und es wird immer Krieg bleiben.

Der Text spiegelt die Gefährdungen und die Unbehaustheit des Menschen heute. Schon sein Entstehungsdatum, zu Anfang der 90er Jahre, legt Zeugnis ab von der Art der Unbehaustheit: es ist die Zeit des Jugoslawienkriegs, des Golfkriegs. Dieser hat uns damals gelehrt, daß der technologisch „saubere“ Krieg eine Illusion ist. Jener, daß das Gespenst des Kriegs auch aus Europa noch lange nicht verbannt ist.

Aber reden wir nicht von der Vergangenheit. Wir stehen, nach kaum überstandener Krise in Afghanistan, längst wieder vor derselben Kriegsgefahr wie vor zehn Jahren. Mit dem Unterschied, daß man ihr heuer ein neues Mäntelchen umgehängt hat, nun verteidigt man also von Washington und London aus die „gesamte zivilisierte Welt“, und dieselben, die sich bei anderer Gelegenheit ungeniert der Waffenlobby verpflichten, tarnen ihre Aktion als „Kampf gegen den Terror“.

Wobei nicht vergessen werden darf, daß der Terror unser Leben innerhalb des letzten Jahrs verändert hat. Wir gedenken der Anschläge auf das World Trade Center in New York, im tunesischen Djerba und Kuta auf Bali. Und wir stellen fest, daß wir – nicht die „Herrn der Dinge“ sind, wie wir meinen, wenn wir uns nach getaner Tagesarbeit zurückfallen lassen in unsere Sesselpolster.
Dabei werden die Medien nicht müde, uns stündlich aufs neue zu suggerieren, daß alles machbar, alles möglich sei, daß das Mikrochipzeitalter eine Epoche ist, die den Rahmen des Normalmenschlichen in allen Belangen sprenge. Gut und schön: wir telefonieren mit unserem junggebliebenen Onkel, der seinen Lebensabend auf Teneriffa verbringt, während wir gleichzeitig gelangweilt Internetseiten betrachten, elektronische Post und ein über einen Computer versendetes Fax erhalten, und das alles auf derselben Telefonleitung. Sind wir aber einem „Stein der Weisen“ in diesem neuen Machbarkeitswahn näher gerückt? Können wir uns in den aus dem Boden gestampften Multimediamärkten ewige Jugend erkaufen? Und macht uns das alles – unverwundbarer?

Auf einem der Einkaufszentren, die die Stadt Budapest von den umliegenden Anhöhen belagern, wie sie einst belagert wurde von den Flakgeschützen der deutschen Wehrmacht oder den Panzern der russischen Armee, habe ich letztes Jahr die Worte gelesen: „Mercator ergo sum. – Ich kaufe, also bin ich.“ Ich weiß bis heute nicht, ob es das Werk eines Scherzbolds war oder ein ernstgemeinter Werbeslogan. Sicher ist nur, daß es einfach nicht funktioniert. Wir erkaufen uns keine Unverwundbarkeit, und genau das haben uns die Terroranschläge gezeigt: wir leben in derselben Unbehaustheit, in derselben Gefährdung, in der menschliches Leben seit ehedem statthat.

Also: kein Heil, außer in Gott? Wir können die Uhr nicht einfach zurückdrehen. Denn Gott ist ein anderer. Ein anderer in der Welt des 21. Jahrhunderts. Schon die Vorstellungen von Gott haben sich gewandelt. Das Ich ist Gott. Oder genauer: die Ersatz-Ichs, die wir uns schaffen, werden zu Gott. Der Konsum ist nur eines dieser Ersatz-Ichs. Ein anderes ist das Gefühl von Macht und Gottähnlichkeit. Immer mehr Menschen schwingen sich auf zu Herrn über Leben und Tod und erhalten sich so für kurze Dauer das Gefühl von Macht und Unverwundbarkeit. Besonders dann, wenn ihr Leben ihnen sonst keine Möglichkeit gibt, Macht auszuüben.

Erinnern Sie sich der Worte, mit der der „Sniper“, der Scharfschütze von Washington, eine seiner Mordaktionen begleitete? „Dear Policeman, I am God – Verehrter Polizist, ich bin Gott.“ Mindestens zehn Menschen hat er getötet, drei schwer verwundet. Ich bin Gott. Einmal war ich Gott, Herr über Leben und Tod. Die Erfüllung des alten Wortes der Schlange: „Ihr werdet sein wie Gott“. Nur mit dem zweiten Teil des Zitats klappt’s einfach nicht mehr, weil wir längst nicht mehr Gut von Böse unterscheiden. Weil dies kein Erfordernis unserer Welt ist, in der die grundlegende Frage lautet: Profitabel oder nicht profitabel. „Ihr werdet sein wie Gott, mit der Macht zu unterscheiden, was profitabel ist und was nicht.“

Erinnern wir uns eines letzten Ereignisses, das uns unserer Verwundbarkeit bewußt hat werden lassen; denn wir brauchen die Erinnerung an unsere Vergänglichkeit, um nicht der Verlockung der Gottähnlichkeit zu erliegen:

Der Amoklauf von Erfurt, der achtzehn Menschen das Leben gekostet hat. Nachdem ausreichend Krokodilstränen vergossen worden sind, ging man mehr oder weniger zur Tagesordnung über, betrieb ein wenig Medienschelte und prangerte die Parties an, auf denen sich Jugendliche nächtelang gegenseitig die virtuellen Köpfe wegschießen. Man verwies darauf, daß ein „unsozialer Bodensatz“ unweigerlich zu jeder Gesellschaft gehöre. Restrisiko Mensch.

Dabei haben wir diesen Bodensatz selbst geschaffen. Was passiert denn um uns herum seit einigen Jahren? Seit der sogenannten geistig-moralischen Wende der 80er Jahre erleben wir ein durch und durch auf gewalttätiges Ellbogendenken, Egomanie und Geldgeilheit ausgerichtetes, völlig wesensverflachtes und wertgehemmtes Menschentum. Wir erleben jetzt schlicht die Kehrseite eines gesellschaftlich durchhechelten Hyperindividualismus, vielleicht auch „Ersatz-Individualismus“, der sich einfach nimmt, was man ihm zu verweigern droht. Einmal eine Berühmtheit sein, auch das gehört dazu, und zwar genau zu einem von allen gesellschaftlich wirksamen Kräften aufgeblasenen Ich, das aufgeblasen wird und aufgeblasen und angefeuert, und dann, irgendwann, ganz plötzlich, nicht mehr abgeholt wird, keinen Platz erhält, nicht hier und auch anderswo nicht. Weil Plätze in dieser Gesellschaft eben lieber abgebaut werden. Und nicht allein Arbeitsplätze.

Nach dem Amoklauf von Erfurt kursierte im Internet ein Artikel, aus dem ich einige Zeilen zitieren möchte:

„Diese Gesellschaft leistet sich eine Generation, rausgeschickt und anschließend im Regen stehen gelassen, aber sie ist nicht bereit, dafür zu bezahlen. Wer Mist baut, muß aber bezahlen, irgendwann. Und irgendwann werden Generationen von Amokläufern, die ihre Energien nicht mehr bei sich behalten können, diese Straßen bevölkern und alles neu denken, alles neu schießen, alle Eingänge freischießen und alle Durchgänge.“

Sind das unsere Zukunftsperspektiven? Wird es unweigerlich dazu kommen, daß der soziale Frieden gebrochen wird? Kein Heil, nirgendwo?

Solange es „profitabel“ erscheint, als Heckenschütze, als Amokläufer zu agieren, um den allgemeinen Machbarkeitswahn ausleben zu können: ja.

Solange wir zuwarten, bis der Tag gekommen ist, an dem die wenigen, die noch Arbeit und einen Platz haben, Produkte und Dienstleistungen produzieren, die sich der große Rest nicht mehr leisten kann, und sich dieser große Rest darauf vorbereitet, alles neu zu schießen: ja.

Aber ich persönlich denke, daß es noch nicht zu spät ist, den Frieden, vor allem auch den sozialen, zu erhalten. Und auch darin „Heil“ zu finden. Doch nur, wenn es uns gelingt, den diffusen Brei aus Machbarkeitswahn, Gottähnlichkeitsgefühl und Konsumreligion, den wir gefressen haben, wieder auszuspucken. Und wenn es uns gelingt, so etwas wie einen „Platz für Jedermann“ in der Gesellschaft zu errichten – es muß ja nicht immer ein Arbeitsplatz sein.

Dies einzufordern, darin sehe ich die wichtigste Aufgabe für die Kirche des 21. Jahrhunderts. Und vielleicht ist dies sogar eine Aufgabe, die tatsächlich nur die Kirche bewältigen kann.

 

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