Diese Ratten der Landstraße

„Warum fahren denn hier eigentlich alle mit einem Geländewagen herum? Es ist das Gelände doch nicht so abwegig? Und auch nicht so abschüssig? Wir sind doch nicht in der Savanne, und auch nicht in Sibirien, wo das Gelände bis in den Juni hinein auftaut und kaum einmal befahrbar ist? Warum diese Angst vor dem Steckenbleiben?“ (Arnold Stadler: Ein hinreißender Schrotthändler)

Die Offroader vermehren sich auf den Straßen wie weiland die pestverseuchten Ratten des Mittelalters. Letztes Jahr war jeder fünfte verkaufte Neuwagen ein Offroader.

Offroader sind hübsch anzuschauende Geschosse auf vier Rädern. Sie heißen Range Rover, Honda CR-V, Jeep Cherokee, Canyonero oder Opel Frontera, und wenn sie an einem vorbeifahren, sieht man eigentlich nur den Reifen. Und von hinten dann den Cowboy.

Offroader werden nämlich von echten Cowboys gefahren. Ab und an geben die Cowboys dann auch den Wagen an ihre Cowgirls raus, aber nur, wenn mal wieder dringend ein Großeinkauf bei Aldi nötig ist.

Und auch nur dann, wenn Menschen in der Nähe sind, die die besonders klein gewachsenen unter den Cowgirls mitsamt Tüten dann wieder ins Schlachtroß hieven.

Sozio- und Psychogramm des Offroad-Fahrers sind erstaunlich rasch erstellt: Gehobene Einkommensklasse, unteres Bildungsniveau. Meist Facharbeiter, die sich einen Wolf verdienen und ihn dann in den Autosalon tragen zu den anderen Dauerheulern. Offroader sind liebenswert, wenn sich im Leben ansonsten gar nichts lieben läßt. Offroader sind besser als nachmittägliche Gerichtssendungen. Offroader versprechen unendliche Freiheit: Freiheit von der bedrückenden Straßenenge und den Dauerstaus, Freiheit von vernichtenden Crashs mit Kleinbussen oder LKW, deren Fahrer sich mittnachts einen schrubben. Freiheit auch von lästigen Omas und Kindern, die sich zu langsam auf dem Territorium des einsamen Wolfs bewegen.

Das Tollste am Offroader ist nämlich sein Kuhfänger vorn. Das Tolle an dem Kuhfänger ist wiederum, daß er nicht nur Kühe, Füchse und anderes Kroppzeug in Sekundenschnelle in seine Einzelteile zerlegt und aus der Bahn expediert, sondern auch Fußgänger. Die neuesten Crash-Tests zeigen, daß Offroadfahrern eigentlich gar nichts mehr passieren kann, selbst bei einem Frontalzusammenstoß mit 120 km/h. Aber die Deppen in den anderen Autos, oder die Deppen, die gar keine Autos fahren (das sind auch die schlimmsten, weder Facharbeiter noch Wolfverdiener), die sind total tot. Und zwar in 100% aller Fälle. Und das schönste ist: man macht sich nicht mehr Kühlergrill und Windschutzscheibe dreckig. Der Kuhfänger macht’s möglich.

Wer seine Profilneurose spazieren fahren will, muß einen Offroader haben.

Und ich werde mir einen kaufen, weil ich mich bei der Unzahl dieser Ratten der Landstraße meines Lebens nicht mehr sicher fühle. Schließlich habe ich mir nach Erfurt auch eine Pumpgun besorgt. Flexible response. Der Schlüssel zum guten Leben.

 

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