Rottweiler Fragmente

1. Des Teufels Klebespitze

Ich bin derzeit nicht bei mir zuhause zuhause, alles Lebenswichtige ist weit weg. Also muß ich sehen, wie ich an Klebstoff komme. Im Zimmer meiner neuen Mitbewohnerin finde ich alles mögliche Interessante, z.B. eine Sammlung Schokolinsen, und daneben auch: Uhu | Micro Line. Ich kenne Uhu eigentlich nur als gelbe Tube, die man von ihrem Ende her aufwickeln konnte, um ihr so auch den letzten Rest wertvoller Klebeflüssigkeit zu entpressen. Wenn andere schon aufgegeben haben, habe ich, das Tubenende zwischen den Zähnen und mit beiden Händen den silbernen Kopf massierend („Pressen! Pressen!“), noch den einen oder anderen Kaiserschnitt verhindern können; das hat mir mein Bruder beigebracht (und ich habe ihm im Gegenzug beigebracht, wie man sich sechs Schokoküsse gleichzeitig in den Mund steckt). Am liebsten habe ich Uhu aber benutzt, um mir damit die Finger vollzukleckern und anschließend die getrocknete Flüssigkeit als Fetzen von der Haut zu ziehen. Manchmal hab ich die auch gegessen, daher rührt wohl meine Kurzsichtigkeit.

Dann kam „Tropffrei und Sauber“ und alles war anders. Das Zeug roch scheiße, klebte scheiße und war nicht mehr abzupuhlen, oder es machte zumindest keinen Spaß mehr. Von diesem Tag an habe ich alle Lust am Basteln verloren und habe begonnen, Bücher zu lesen.

Und jetzt: Micro Line. Ich berge das Teil aus dem Schokolinsengrab und trage es in mein Zimmer. Es sieht aus wie eine schlechte Kopie dieser unsäglichen Tippex Correction Pens (Pen! Pah! Füller heißt das!), die auch schon nicht funktionierten. Und das schönste ist: ich schraub das Ding auf und weiß nicht, was ich damit machen soll. Kommt ja erstmal nichts raus. Also lese ich die Bedienungsanleitung (aber ich will doch nur zwei Blätter Papier zusammenkleben!). „Klebe-Pen mit Teflon-Spitze.“ Toll, Teflon, kochen kann man darauf also auch. Wahrscheinlich ein Laus-Omelett. Mehr steht da nicht, aber das steht dafür in 40 Sprachen drauf, darunter zwei nicht näher zu definierende ladinische Bergdialekte. Dann steht da noch „Press & Control“, was mich wieder an die verhinderten Kaiserschnitte erinnert. Oder an Gillette Oral B, schließlich ist heute ja alles Control, wir leben im Zeitalter der Versicherungshygiene.

Ich presse also und nichts tut sich. Dafür ist mir das eine der beiden Blätter in den Kaffee gefallen, weil ich beim Pressen nicht darauf acht gegeben habe, das Kind richtig festzuhalten. Während ich es entflecke, sehe ich mir die Funktionsweise des Micro Line-Monsters nochmal mit kritischem Blick an, kann aber nichts weiter erkennen als eine schmuddelige weiße Flüssigkeit, die sich zäh und blasenwerfend hin und her bewegt und von fern an Sperma erinnert. Ich probiere es wie beim Tippex-Pen und gebe erst sachten, dann schon schmerzhaften Druck auf die Füllerspitze. Darüber reißt mir das jungfräuliche Blatt Zwei. Ich drücke hinten, seitlich oben, seitlich unten, überall, und siehe, als ich ganz vorn drücke, schnellt ein dünner Flatz aus der Spitze in den Kaffee. Wenigstens weiß ich jetzt, wo ich drücken muß. Von Control kann hier aber nicht die Rede sein. Ich versuche es nochmal, drücke etwas mehr, um etwas bessere Kontrolle zu haben, die Blätter kleben auch aneinander, allerdings falsch herum. Ich ziehe sie auseinander, wobei mir die Kaffeetasse herunterfällt, und Blatt Zwei an der perforierten Stelle endgültig durchreißt. Dafür kleben mir jetzt Daumen und Zeigefinger der Rechten zusammen und Micro Line strömt, ohne sich dabei besondere Mühe zu geben, auf den Teppich. Aus Rache verklebe ich sämtliche Schokolinsen zu einem einzigen riesigen Linsenei. Es klappt. Und wenn ich das Riesenei jetzt noch von meiner Hand abbekomme, kann ich auch wieder Autofahren.

2. Feng-Shui

Kaum eine Woche weg gewesen, finde ich die Stadtschreiberwohnung mit einer betörenden neuen Duftnote vor: Pfirsich und Lavendel. Vielleicht täusche ich mich in der Koinzidenz, aber war das nicht genau das Duschbad, mit dem ich mir, aus Ermangelung einer Zahnpasta, am Wochenende im Hotel während der Klausurtagung des Schriftstellerverbands die Zähne geputzt habe? Jedenfalls stelle ich fest, daß Pfirsich-Lavendel wesentlich angenehmer ist als der gemeine Leberwurstgeruch, der mir gemeinhin aus meinem Zuhause in Nordwürttemberg entgegenschlägt.

Aber als ob das des Guten für eine geschundene Schreiberseele (und einen erkälteten Schreiberleib) nicht schon genug wäre, habe ich mich spontan in meine Zimmerkosmetikerin verliebt. Die Frau leistet ganze Arbeit: sie hat meine Kugelschreiber, meine Buntstifte, die Kreuzschlitzschraubenziehersammlung und die drei Scheren, die ich besitze, exakt entlang der Schreibtischkante ausgerichtet. Ja, mehr als das: sie hat während meiner Abwesenheit den Schreibtisch sogar genordet, so daß meine Schreibutensilien nun allesamt den Erfordernissen des Feng-Shui genügen. Die Papiere – und damit hat sie mein Herz hüpfen lassen -, habe ich thematisch geordnet und in gleich hohe Gruppen à 10 Blatt eingeteilt vorgefunden. Überflüssig zu sagen: auch sie waren genordet. Ich habe vor Rührung viermal hintereinander geniest und traue mich noch immer nicht, etwas an dieser heiligen Ordnung zu zerstören.

Welche Blumen werden dieser Frau gerecht? Welche?

3. Leben wie Gott in der Schreinerei

1. Gang: Scheurebenrahmsuppe mit Croutons

Mein Freund W. ist Schreiner. Ich bin Schreiber. Schreiner und Schreiber verstehen sich gut, also besuchen sie sich zuweilen. Früher, als ich schon schrieb, aber damit keine müde Mark verdienen konnte (die Mark, liebe Kinder, war das, was der Euro heute ist, nur nichts wert), habe ich für W. Kanten gebrochen; ich habe geschleift, furniert und geölt, und wenn der Tag recht lang war, habe ich auch dann und wann Kaffee gemacht oder Schnaps mit W. getrunken. Also die ganz normale Schreinereiarbeit.

Mittlerweile sind fast zehn Jahre vergangen und W. arbeitet nicht nur, sondern lebt auch in seiner Schreinerei. Wohl gemerkt: in der Schreinerei. Nicht neben, unter oder über ihr, sondern in ihr. Wenn es Nacht wird in dem Zweimann-Betrieb in R., zieht W. aus einem Nebenzimmer, in dem er gemeinhin die Konstruktionen für seine Objekte anfertigt, das Mobiliar (im wahrsten Sinne des Wortes), das er zur Nacht braucht. Die Voraussetzung dafür, daß hier etwas existieren darf, ist nämlich seine Fahrbarkeit: was nicht fährt, fliegt raus. Das Bett steht auf Rädern, der Küchentisch steht auf Rädern, der Kühlschrank, der Herd, selbst die Badewanne läßt sich mühelos von A nach B verschieben, denn all das würde, sobald der Tag mit Schleif- und Säge-Hochbetrieb anbricht, ja nur sinnlos einstauben. W.s Nächte sind fahrbar und bunt. Bunt wahrscheinlich von den Lackdämpfen.

2. Gang: Feldsalat mit Kartoffeldressing

W. hat mich eingeladen zu einem Schlemmerabend. Schlemmerabende lasse ich mir nur ungern entgehen, und so mache ich mich auf den Weg nach R.

Als ich auf dem Hof der Schreinerei vorfahre, ist W. gerade damit beschäftigt, die hintere rechte Seitenscheibe seines Volvo-Kombi mit Paketband abzukleben. Er begrüßt mich mit weit geöffneten, den weitest geöffneten Armen überhaupt (windmühlenflügelweite Arme) und klebt dann beharrlich weiter. Noch bevor ich ihn darauf ansprechen kann, verweist er auf die „Mistkommode, die ihre Füße durch die Scheibe strecken mußte, gerade als ich los bin, um Couverture zu holen“. Ich sage „ärgerlich“, denke aber: „beschissen“, weil mich die Situation daran erinnert, daß ich noch vor anderthalb Stunden, bevor ich losfahren konnte, wegen des ersten nächtlichen Dauerregens seit Monaten Landunter in meinem Auto hatte und eine halbe Stunde damit verbracht habe, den Karren wieder trockenzulegen. W. indes winkt ab, weil er die Couverture zwar bekommen, die Sellerie allerdings vergessen habe und nun ohnehin nochmal los müsse (die Mistkommode macht sich gerade fertig für den zweiten Anlauf, ich sehe sie aufgeregt im Kofferraum des Volvo scharren); und weil er, herrje!, den Wagen zum Glück sowieso doppelt habe, wie er alles, was gut doppelt zu haben, doppelt habe, denn das sei ungeheuer praktisch; was ich wiederum nicht verneinen kann, weil ich mir darüber noch nie Gedanken gemacht habe, und weil ich schon froh war, wenn ich irgendetwas immerhin einmal besessen habe. W. bittet mich, die vorgefertigten Klebestreifen zu halten – was ich gern tue, sehe ich mit den braunen Streifen an jedem Finger doch aus wie ein Rottweiler Fastnetsgeist -, und klebt solange, bis er auch den letzten Streifen verklebt hat. Dann tritt er zwei Schritt zurück und besieht sein Werk. Aus Sympathie trete auch ich zurück und prüfe es mit kritischen und noch immer nicht ganz wachen Augen. „Tadellos“ befindet er und schlägt die Hecktür zu. Durch den Luftdruck springt das Glas an den Enden, die nicht sauber verklebt waren, aus seiner wackligen Fassung und bröselt tausendsplittrig ins Wageninnere. „Wird wohl doch anders gehen müssen. Ich hol schon mal den Tacker und die Aldi-Tüten“ sagt W. und schiebt mich in die Schreinerei.

3. Gang: Chicoree in Butter-Orangensauce an Gorgonzola

Drinnen rührt ein mir unbekannter J. die Mousse au chocolat und garantiert während des Rührens, daß sie nichts werden könne, weil W. statt der Couverture Herrenschokolade hätte besorgen müssen. Der winkt ab: wo hätte er die auf die schnelle klauen sollen? Trotzdem läßt sich J. nicht davon abhalten, die Masse windelweich zu rühren. Ich linse in die Schüssel und hoffe, etwas von der Schleckmasse zu bekommen (als ich so klein war, daß ich stehend unter dem Tisch durchpaßte, habe ich mehrfach vergeblich versucht, meiner Mutter klarzumachen, daß sie den Kuchen doch nur verderbe, wenn sie ihn ausbacke, schließlich sei er in Rohform doch viel leckerer; aus Rache hat sie mir erklärt, daß „König Artus“ kein Beruf sei, und der Job außerdem längst vergeben; an diesem Tag half auch die braune Marmorkuchenmasse meiner Untröstlichkeit nicht mehr). Statt mich zum Zuge kommen zu lassen, faselt J. Er ist Architekt und wartet auf die Niederkunft seiner Frau, aber statt vor Ort zu sein, rühre er hier Massen falscher Zutaten in Waschmaschinenabdeckhauben. Da W. ein großer Bastler vor dem Herrn ist, vor kurzem aber seine Waschmaschine vor den Stäuben, die in solch einer Werkstatt eben an- oder abfallen, kapituliert hat, hat er sie keineswegs entsorgt, sondern lediglich umgewidmet: der Motor ist jetzt eine wirkungsvolle Pumpe, mit der er das Abwasser aus dem Küchenquadranten befördert, und in dem Verschlußglas, durch das hindurch wir schnapsselig nach, während oder vor getaner Arbeit den Schleudergängen zusahen, rührt J. schimpfend das Mousse au chocolat. Ich bewundere W., muß viermal hintereinander kräftig niesen und denke, daß ich zwar auch einen Hang zur Improvisation, aber nicht die geringste Begabung dazu habe. Ich habe mir einmal bei Ikea einen CD-Schrank gekauft, dem alles nur keine Bastelanleitung beilag. Als ich damit fertig war, hatte er lediglich eine gewisse Ähnlichkeit mit sich selbst, und sonst nichts. Leider konnte man rein gar nichts darin aufbewahren. Ich mußte den Türmechanismus umbauen, weil ich die Verteilung der Einlegeböden dem Zufall überlassen hatte und sich die Türen zunächst nicht mehr schließen ließen. Danach ließen sie sich zwar einmal schließen, anschließend aber nie wieder öffnen. Eine Zeitlang habe ich meine Schuhe auf dem Teil abgestellt, damit es wenigstens irgendeinen Nutzen habe. Heute dient es meiner Mutter als Vogelhäuschen. Sie hat einfach zwei Löcher reingebohrt: eines für die kleinen und eines für die großen Vögel.

4. Gang: Lachsplatte und Riesengarnelen mit Rosmarinkartoffeln

W. und ich wollen Sellerie organisieren und U. vom Bahnhof abholen, während J. die fertige Mousse in den Kühlschrank pfeffert (der sich dabei um ca. zwanzig Zentimeter nach hinten bewegt) und ins Krankenhaus fährt. Vorm Abschied fragt er mich, wie ich heiße und verspricht mir, wenn es ein Junge werde, solle er meinen Namen bekommen. Ich fasse das als Drohung auf (denn nur Artus oder Arthur sind schöne Namen), allerdings nur so lange, bis ich den Bahnhof von R. sehe. Tags zuvor habe ich ein Foto des Bahnhofs von Petuschki gesehen, der durch das Trinker-Poem „Moskau-Petuschki“ von Wenedikt Jerofejew eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. Ich hätte nicht gedacht, daß ich mich heute schon darauf befinden würde: dieselbe steppenhafte Betonöde, zwei Gleisstränge mitten ins blanke Nichts der Landschaft geschissen. Es gibt einen Abfahrt-, aber keinen Ankunftplan. Natürlich nicht. Von hier wollen alle nur abfahren. Über den Bahnhof führt eine Umgehungsstraße. Es ist Samstagabend, Diskozeit, wir warten fünfundzwanzig Minuten, aber nicht ein Auto fährt über die Umgehungsstraße. Wahrscheinlich ist das ganze Städtchen längst umgangen worden und hat es nicht gemerkt.

U. ist angekommen. Sie ist Choreographin und Tänzerin und begrüßt mich mit den Worten: „Ich glaub, ich hätte dich noch erkannt.“ Zum Glück haben wir sie erkannt. Das war eigentlich auch ganz einfach: sie war diejenige, die ausgestiegen ist.

In der Schreinerei stelle ich fest, daß sich der Kühlschrank mit der Spüle eingelassen hat (so ein Loser!), dem einzigen Möbel, das festverankert im Küchenquadranten steht. W. schiebt ihn an die rechte Stelle zurück, greift zielsicher hinein und befördert als Apéritif den Selbstgebrannten von Brüderchen heraus. W. kocht fränkisch. Also trinken wir auch fränkisch. Wie auch nicht, schließlich ist er Franke. Während ich den feinen Ahornstaub aus den Shotglasses streiche, kommt U. ganz an und meint, hier sei sie in der schönsten Wohnung, die sie je gesehen habe. Stimmt, denke ich, und ganz sicher in der staubigsten.

5. Gang: Mousse au chocolat

„Wer noch möchte: Die Suppe steht auf der Fräse.“ Wenn ich U. und W. anschaue, blicke ich tatsächlich in eine Küche. Wenn sie mich anschauen, blicken sie auf einen Fuhrpark aus Fräsen, Sägen und Furnierpressen. Aus diesem Grund rufe ich nach dem vierten Gang eine Runde Reise nach Jerusalem aus. In Küchen kann ich jeden Tag sehen.

Einziger Nachteil dieser Wohnung: die Toilette ist über den Hof am anderen Ende der beiden Werkhallen. Bis man dort angekommen ist, hat sich manches schon von selbst erledigt. Wir einigen uns also darauf, die ganz große Toilette direkt vor der Haustür zu benutzen.

Ich trete benebelt in den Nebel, in die Stille der Weinberge, in die Dunkelheit, die aus dem Flurstück Toter Mann heraus alles schluckt, nur den sachte aufsteigenden Nebel nicht, der sich mit dem aufsteigenden Dampf meines Urins mischt. Ich habe selten in Deutschland eine so vollkommene Dunkelheit und Stille erlebt. W.s Werkstatt hat mit R. eigentlich nur noch den Namen gemein, sie liegt schon weit vor den Toren der Stadt. Das war auch der Grund, weshalb er hierher gezogen ist: er wollte sommers Lagerfeuer abbrennen dürfen, sich im Schlafsack daneben legen und warten, bis ihm kein Song mehr einfällt, zu dem er sich nicht auf der Gitarre begleitet.

6. Gang: Sahneeis

Mittlerweile steht auch der Salat auf der Fräse, während der Lachs Platz genommen hat auf der Abrichte (nein, nicht Anrichte, hier gibt es nur eine Abrichte).

Wir leeren nach getaner Mahlzeit, nach fünf Stunden, die letzte Flasche Zwetschgenwasser. U. und ich losen um das Roll-Bett. Wer die Couch bekommt, hat zuhause nichts zu erzählen. Pech für sie.

W. schlägt ein massives Buchenbrett über zwei Werkzeugwagen, wirft eine Matratze drauf und sagt: „Roll dir ein schönes Plätzchen aus.“ Das habe ich längst gefunden. Und ich schlafe, schlafe wie ein Engelchen. Genau an der Stelle, an der ich sonst tapfer Kanten gebrochen habe.

Und was geschleift werden mußte, schliff.

4. Diese Donnerstage

Beim nächsten Ton ist es
23 Uhr 13 Minuten und 10 Sekunden

Beim nächsten Ton ist es
23 Uhr 13 Minuten und 20 Sekunden

Beim nächsten Ton ist es
23 Uhr 13 Minuten und 30 Sekunden

Beim nächsten Ton ist es
23 Uhr 13 Minuten und 40 Sekunden

Beim nächsten Ton ist es
23 Uhr 13 Minuten und 50 Sekunden

Beim nächsten Ton ist es
23 Uhr 14 Minuten und 0 Sekunden

5. Antibios

Bootsequenz: Mund, Nase, Füße, Hände, Ohren, Auge (nur das rechte). Das Aufwachen mit Antibiotika ist ein Abenteuer für sich. In der Kehle ein Gefühl wie nach wochenlanger Intubation. Plaste: ich kann den Schlauch nicht nur spüren, sondern auch schmecken. Plaste, polymere Geschmacksverirrungen. Den Kopf um zehn Grad gedreht, das Ziehen im Nacken ist stärker als je zuvor, aber der Druck auf die Schädelbasis hat nachgelassen. Trotzdem gefährlich stier. Möglicherweise der zurückgekehrte Winter. Die Ballung von schwarzem Schnee am Mittag, schwarzem Malaga am Abend.

Schlecht geschlafen. Geträumt, daß mir Micky Maus mit erigiertem Riesenpenis nachstellt. Metallener Geschmack auf der Zunge, die sich jetzt auch aus dem Nirwana zurückgemeldet hat. Dazu Brandgeruch. Der Geruch verbrannten Haars. Und nichts mehr im Haus. Kein Kaffee. Nichts.

Nach dem Aufstehen: Pizzareste in Lesefunden. Mir hängt die Haut in Fetzen vom Leib.

Draußen herrscht eine dichte, glasige Atmosphäre, hinter der man Milch erwartet. Und es ist doch kaum Wasser. Muß mich zum Pinkeln setzen. Ziemlich schmerzhaft. Dazu ein Geruch wie Spaghettisud. Von Kotzen konnte heute nacht glücklicherweise keine Rede sein, dafür hab ich jetzt Koliken. Altes Gefühl: mein Leben erreicht nie die optimale Geschwindigkeit, mal schießt es bei 45 dahin, mal dreht es bei 33 1/3 fast obszön auf der Stelle. Noch älteres Gefühl: Leben in Habachtstellung. Oder in Warteschleifen (und ich weiß beim besten Willen nicht, wo ich da unten zum Betanken landen soll).

Der Spiegel gähnt mir frech entgegen. Zeigt mir eine Laus auf Stelzen. Seit Tagen keine Veränderung. Sepsiswelt. Weltsepsis.

Zustandsbeschreibung: eigenartig stabil. Kann den Kopf kaum bewegen, was dazu führt, daß ich mich zu allem, was ich normalerweise aus dem Augenwinkel checke, hindrehen muß. Mein Oberkörper ist in permanenter Bewegung. Wie ein Tier, bei dem Kopf und Körper miteinander verwachsen sind. Nacktschnecken. Dafür bin ich erstaunlich hell, leicht, licht, ich kann die Schmerzmeridiane auf meinem Schädel leuchten fühlen. Wenn das Dach nicht wäre, würde man sie bis in die Stratosphäre strahlen sehen. Merkwürdig schön. Nacktschnecke mit Leuchtkäferkopf.

6. Telefonsex

– Hallo?
– Ja hallo. Sind Sie dieser Schneider?
– Nein. Nein, ich bin „dieser Arndt.“
– Ist Schneider da?
– Nein.
– Wohnt Schneider bei Ihnen?
– Nein. Hier wohnt kein Schneider, und hier hat auch noch nie ein Schneider gewohnt. Die Telefonnummer ist bei meinem Einzug zum ersten Mal vergeben worden. Trotzdem kein Schneider weit und breit.
(Pause)
– Schneider hat mir nämlich gesagt, ich könne ihn immer unter dieser Nummer erreichen.
– Aha.
(Pause)
– Sie sind sicher nicht Schneider?
– Ganz sicher.
– Schneider, sind Sie’s?
– Hören Sie: mein Name ist Arndt. Arndt. Hier hat noch nie ein Schneider gewohnt und ich, der ich hier wohne, heiße Arndt.
(Pause)
– Sind Sie verwandt mit diesem Peter Arndt?
– Nein.
– Hm.
– Hören Sie: kann ich jetzt bitte auflegen?
– Könnten Sie dem Schneider etwas ausrichten?
– Bitte?
– Er soll mich anrufen. Möglichst heute noch.

7. Die Exilhexenküche

Auf meinem Küchenschrank in meiner Rottweiler Exilhexenküche befindet sich, etwa auf Augenhöhe und etwa dort, wo sich gemeinhin die Tassen aufhalten, wenn sie nicht gerade zu einer Notspülung gerufen werden, dieser, an den Rändern akkurat mit Tesafilm verklebte und erst wenig angegilbte Zettel:

Wenn mich jemand fragt – aber nie, nie wird man mich befragen, ich höre die Stille, die die ausbleibende, die ausgebliebene Frage hinterläßt, hinterlassen wird, wie das eingefangene Meeresrauschen der Muschel in meinen Ohren widerklingen -, werde ich antworten: Ja, das ist schwäbisch.

Und ich werde, ungefragt – denn wer sollte auch weiterfragen, wenn schon die erste Frage nicht, nie gestellt sein wird -, davon erzählen, daß mich meine Vermieterin in Nordwürttemberg einst darauf aufmerksam gemacht hat, daß mein Fenstersims Shampoo vertragen könnte, und seit meinem Einzug sei ich auch noch nie auf den Gedanken gekommen, meinen Briefkasten von innen zu putzen (ich bin, das nur am Rande, werde ich sagen, meinem mich nicht gefragt habenden Gegenüber werde ich es sagen, auch nie auf den Gedanken gekommen, ihn von außen zu putzen).

Dann werde ich, um wie Zarathustra stark und schön wie eine aufgehende Sonne von dannen zu wackeln, noch hinzufügen, daß „das“ nicht nur schwäbisch sei, sondern sogar deutsch, und nicht nur deutsch, sondern sogar vernünftig. Wo’s nicht sauber ist, kann eben nicht geputzt werden. Die deutsche Geschichte, so werde ich sagen, sei ein einziger Verweis auf den Hintersinn dieses Gedankens, von ihren Uranfängen bei den Merowingern bis hin zu Adenauer und seinen Enkeln im Kalke sei die deutsche Geschichte ein Beweis für den Hinternsinn von Aufräumen und Säubern. „Putzen macht frei?“ wird mein verblüfftes Gegenüber fragen – verblüfft, mag sein, auch über seine plötzliche Existenz, die ihm angesichts des Muschelmeeresrauschens nie beschieden hätte sein dürfen -, ich aber, ich werde nur einen stillen Gruß Richtung Küchenschrank senden und wie Jesus im frühmorgendlichen Verhör antworten: „Du sagst es.“ Und werde, nicht ganz jesuanisch, hinzusetzen: „Ätschegäbele!“

8. Schwarzes Tor

J. zeigt mir das Schwarze Tor. Staub und Angst der Jahrhunderte. Ich stelle mir vor, wie es wäre, hier eine Nacht im Halbdämmer verbringen zu müssen, was sich festgefressen hat, von innen festgefressen, im Mauerwerk, im Holzwerk. Schwarzes Tor – erst von innen ganz schwarz. J. berichtet über die Zeit der Nutzung als Gefängnis, daß sich hier einst zwei Verzweifelte abgeseilt haben, abgeseilt haben und abgestürzt sind, wie sich der eine, schwerverletzt, zum naheliegenden Kloster geschleppt hat, während sein Kumpan im Blut lag und sein Blut dran gegeben hat, hier rauszukommen, wie jenem auch tatsächlich Asyl geworden ist, während dieser alles Blut gelassen hat. Die Geschichte ist hier, aufbewahrt, im Mauer-, im Holzwerk. Aber ganz sicher nicht dort, wo man Zwischendecken eingezogen hat im feschen Stil der siebziger Jahre, und eine Discokugel, deren Schmauchspuren noch zu sehen sind. Und zu riechen.

Wenn ich aus meinem Fenster blicke, sehe ich im Tal den Bahnhof. Oder zumindest etwas, das tut, als wäre es ein Bahnhof, oder als könne es ein Bahnhof sein oder irgendwann werden, weil hier jede Menge Menschen überdacht neben Geleisen lungern können.

Ich kenne fast keinen Bahnhof jenseits von Neu-Ulm. Dafür erkenne ich die Autobahnraststätten Deutschlands am Geruch.

Nächtliche Wege durch die Hauptstraße talwärts, ein gelbes Licht, ein Nebel, der gar nicht da ist, und ich, benebelt durch den Nebel, vom Zizenhauser Tresen in die Tiefe der Tundra.

Die schiefe Turmspitze des Münsters, die irgendwann abknicken wird und dann, mit einem Schlurfen, allerdings einem ohrenbetäubenden, wie dem eines halbkilometerlangen Pantoffels, Schuhgröße 487, mit der Spitze voran in einer nach Sauberkeit riechenden Kommunionsgruppe landen wird.

9. Bericht für eine Grottenolm-Akademie

„Ich sage, daß man Seher sein, sich zum Seher machen muß. Der Dichter macht sich zum Seher durch eine langandauernde, unerhörte und wohlüberlegte Entgrenzung aller Sinne.“
(Arthur Rimbaud)

Jetzt wollen sie mich auch noch zum Seher machen.

„Sie haben die Sehfähigkeiten eines Grottenolms. Das ist vielleicht sogar noch übertrieben. Eher die eines Fischs, aber eines Blindfischs. Oder eines Einzellers. Ich habe schon Einbauschränke gesehen, die mehr sehen.“

Trotzdem weigere ich mich, beim Gehen auf der Straße eine Brille zu tragen. Ich trage eine Brille zum Fahren, das ist vollkommen in Ordnung, ich möchte ja kein Sicherheitshindernis darstellen, aber auf der Straße, eine Brille? Nein.

Mit Eitelkeit hat das wenig zu tun. Mit Eitelkeit nicht, oh nein, Herr Doktor.

Als ob ich nicht schon genug hörte.

Als ob ich nicht schon genug röche.

Als ob nicht schon genug schmeckte.

Als ob ich nicht schon genug fühlte. Soll ich jetzt auch noch klar sehen.

Dabei reicht mir schon das Gehörte. Der Second-Hand-Uffdada, der mir allgegenwärtig aus den Boutiquen und Drogerieläden entgegen sabbert, mir die Ohren verkleistert, mir den Atem benimmt, all der Pop-Salbader zwischen Pickel, Pimpern und Pumpernickel. Oder die Versatzstücke des Wirtschaftsfaschismus, das Neusprech der Medien, die Sprachregelungen der Politik, die hohlblöckigen Profi-Textbausteine von Fußballern, in jedem Rhetorikseminar auf den Malediven das Dutzend billiger zu erhalten.

Dabei reicht mir schon das Gerochene. Deutschland im Hochsommer, unter der Hitzeplage bin ich – freiwillig, freiwillig! – in einen Hypermarket geflohen, weil es in diesem sogenannten Breuningerland wenigstens klimatisiert war; aber was da zu riechen war, würde ich nur einem chronisch Atemwegserkrankten zumuten wollen, oder einem, dem sie von Geburt an Mund und Nase zugeknäufelt haben, und so bin ich rasch und behelligt lieber wieder in die pralle Hitze geflohen.

Dabei reicht mir schon das Geschmeckte, der Second-Mouth-Fraß, den ich unablässig in mich hineinstopfe, um mich zuzustopfen, das gierige Etwas in mir, das nicht nur der Magen ist, das für „auf die Hand“ ist, Döner-to-go, Coffee-to-go und die Heimkehr der Starbuck-Ritter, und alles alles schmeckt einfach nur nach Intubationsschlauch und Sterilität auf Rädern, eine mobile Krankenhaus-Cafeteria (das Essen im Konvikt nehme ich ausdrücklich und ohne Ironie aus!).

Und das Gefühlte? Ach was, der Text würde einfach zu lang.

Sie haben Einbauschränke gesehen, die mehr sehen? Aber waren diese Einbauschränke wirklich – glücklich? Wenn ich ein Auto erst sehe, wenn es 35m vor mir ist, während andere es schon in 70m Entfernung sehen, Herr Doktor, sehe ich es noch immer früh genug, um angesichts der Terrorherrschaft des Runddesigns meinen Brechreiz überwinden zu müssen. Ich liebe den Nebel, den ich sehe, Herr Doktor, auch wenn kein Nebel über den Städten oder auf den Auen liegt. Ich liebe den Grauschleier, der mir so schön die Sinne betäubt. Ich liebe den letzten Rückzugsort, den mir meine Augen bieten. Und wie wäre es erst gewesen, wenn ich die Städte, die ich unter Schleier schon nicht mochte – Saarbrücken, Pforzheim, Reutlingen – auch noch in voller Schärfe hätte wahrnehmen müssen? Weshalb sollte ich mir das Elend da draußen ohne Schonung antun? Nehmen Sie mir nicht diese Wohltat einer barmherzigen Natur, die mich mit einer Begabung ausgestattet hat, die sonst nur der Grottenolm besitzt. Oder der beneidenswerte Blindfisch. Schicken Sie mich nicht in die Depression. Stellen Sie mich in eine Ecke Ihrer Wohnung und ich werde Ihnen zeigen, was ein glücklicher Einbauschrank ist, lieber, verehrter Herr Doktor.

10. In der Mauser

Als ich acht Jahre alt wurde, schenkte mir mein ungarischer Großvater eine türkische Mauser. Er sagte: „Wenn du einen Rumänen siehst, dann schieß.“ Aber hier in Deutschland sah ich keinen Rumänen, ich wußte auch gar nicht, wie so einer aussieht, und heute, da ich es weiß, hab ich die Mauser nicht mehr. Und ich würde sie natürlich auch nicht gebrauchen. Drei meiner engsten Freunde sind Rumänen.

Weshalb ich das erzähle? Oberndorf ist die Heimat der Mauser. Mir ist berichtet worden, daß praktisch jede Mauser, die irgendwo auf dieser Welt einmal abgefeuert worden ist, aus Oberndorf bei Rottweil stammt. Das ist toll. Eine Zeitlang hat die Firma Mauser, auch dies ist mir berichtet worden, jedes dritte Gewehr überhaupt auf dieser Welt hergestellt. Auch das ist toll. Denn so geht zumindest jeder dritte Kriegstote, beispielsweise im Ersten Weltkrieg, auf das Konto von Oberndorf am Neckar. Ob ihn das nicht nervös mache, fragte ich einen Oberndorfer bei einer Tasse Bier (sic) in der Unterstadt, nahe dem sogenannten „Schwedenbau“ (so genannt, weil hier die schwedische Delegation einquartiert wurde, um ihre Mauser abzuholen). Öh, meinte der, öh, und: nicht wirklich. Nervös wäre man nur geworden, wenn die Mauser wie die beknackten italienischen Berettas ständig Rohrkrepierer produziert hätten. Aber so hat man ja ein Präzisionsinstrument gebaut, auf das man eigentlich schon ziemlich stolz sein könnte, so, genaugenommen, und, öh.

Naja, denke ich, Dr. Oetker hat ja auch schon Zeug produziert, das einem so derartig den Magen verklebt, daß es als biologischer Kampfstoff geächtet werden sollte. Trotzdem ist der Bielefelder stolz auf die ultrahäßlichen Bauten im Herzen und Magen der (bekanntlich nicht existenten) Stadt. Was sind schon Kriege, an denen man fett und groß geworden ist, in Rottweil mit Pulver, in Oberndorf mit dem Mausergewehr? Wir leben eben nicht mehr in den Zeiten Tucholskys, Betroffenheit allein macht keinen Reim. Außer man verpackt sie mehr oder weniger geschickt in Filme und bekommt anschließend einen Oskar dafür.

Übrigens habe ich bei dieser Gelegenheit dem baden-württembergischen Propagandaministerium (Ministerium für Liebe) vorgeschlagen, doch auch mal einen Nachfahren des großen Paul von Mauser für die Image-Kampagne „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“ zu gewinnen. Hier im Ländle sollte einfach jeder geniale Tüftler mal zu Wort kommen, auch der Präzisionstodesschützenausrüster. Selbst wenn man in der Familie nach 150 Jahren bourgeoiser Erziehungstradition bestimmt eines nicht mehr kann, nämlich Schwäbisch.

11. Der Pulverturm

In Rottweil, so höre ich, habe man einst nicht nur Pulver produziert, man habe es auch gut katholisch verwaltet. Und das kam so: Als sich die Württemberger in ihrer raubtierhaften Expansionspolitik 1803 endlich sogar dies Städtchen unter den Nagel gerissen hatten, kam ein klitzekleines Problem auf die Stuttgarter Herren zu. Die Evangelischen waren nun nämlich nicht mehr unter sich – Weil der Stadt, die ins Würm-Tal gekleisterte katholische Ziertapete, die sich aber auch schon immer allem widersetzte, was mit Reform oder -ation zu tun hatte, zählt hier statistisch wenig -; indes verlangte es die Papsttreuen nach eigenem Pulver, wahrscheinlich weil man selbst dem Feind, der fast immer auf den Namen „der Franzos“ hörte, die Chance nicht nehmen wollte, nach dem Todesschuß noch ins Himmelreich zu kommen, was mit Ketzer-Pulver aus Esslingen eben unmöglich zu leisten war. Also bekam Rottweil seinen Pulverturm und sein katholisches Pulver. Ob im Bedarfsfall das Zeug dann allerdings doch einfach wieder mit dem evangelischen zusammengeschmissen worden ist und der Franzos kurzerhand höllenwärts füsiliert wurde, weiß keiner so genau. Sicher ist jedenfalls, daß, wenn man die Wahl gehabt hätte, von katholischem oder evangelischem Pulver getroffen zu werden, sich wohl ein jeder für das alleinseligmachende entschieden hätte. Wer spielt schon gern in einem frisch getünchten leeren Fahrradkeller, wenn er sich auf dem Dachboden tummeln kann, auf dem die spannendsten Liegenschaften der Jahrhunderte harren?! Außer dem, der schwer an Staub-Allergien trägt.

S., so höre ich, Gastronom und gebürtiger Sizilianer („Siziliener“, wie er sich auszudrücken pflegt, indem er die deutsche Sprache konsequenter benutzt als sie sich selbst), hat seit Jahr und Tag Ärger mit seinem Nachbarn, seines Zeichens Besitzer eines Elektrofachgeschäfts, in dem ich, Gott sei’s geklagt, im übrigen keinen Nasenhaartrimmer erworben habe. Eines schönen Tages hat S. beschlossen, so lange, tagein, tagaus, nebenan eine Glühbirne zu erwerben, bis sein Nachbar nicht mehr umhinkönne, ein Wörtchen mit ihm zu reden und den Ärger aus der nicht nur geschäftlichen Welt zu schaffen. Ein galanter Gedanke. Leider hat S. die Rechnung ohne den Einheimischen gemacht. Mittlerweile stapeln sich in S. Keller die vollen Packungen, und manch einer beobachtet, wie er einem Stammkunden heimlich wohlwollend eine Glühbirne zusteckt. „So alt werde ich gar nicht, daß ich auf diesen Gang verzichten werde können“ sagt S., und ich fühle beim Verlassen seines Cafés, wie etwas kühles Gläsernes in meine Handfläche will.

Vornüber gebeugt den Oberkörper, die Violine seitlich zwischen rechte Achselhöhle und Armbeuge geklemmt, ein Linkshänder also, bildet er eine geometrische Figur, Violine, Kopf, Oberkörper und die Beine, und es ist jammerschade, daß ich in der Schule nicht besser aufgepaßt habe, sonst wüßte ich gewiß den Namen der Figur zu nennen und könnte den Geiger in die Geometrie entlassen, so aber, so spielt er nur Tag für Tag in der Fußgängerzone, vornüber gebeugt den Oberkörper, spielt er wie mechanisch, wahrscheinlich ein Rumäne, niemand sonst spielt mit solcher Beiläufigkeit und Selbstverständlichkeit und Virtuosität ohne Brimborium und hält Violine, Kopf,/em Oberkörper und die Beine in dieser geometrischen Figur, kälteabweisend, in sich geschlossen, nicht unter uns weilend.

Knarr knarr knarr wie durch frischen Schnee, knarr knarr, mein Weg durch die Schlafsäle des Konvikts, über die Dielenböden, das Holz, das sich millimeterweise gegeneinander bewegt, der Gang auf den Fußspitzen, um nur ja nicht zu tief in den teppichbewehrten Bereich zu stoßen, daß niemand erwache, wo doch ohnedies schon hinter dieser oder jener Tür ein Tuscheln und Kichern zu hören ist: „Da, da kommt er heim, der Herr Stadtschreiber, halb drei, und hätten wir ihn nicht gehört, wir hätten ihn ganz sicher gerochen…“

Am Rand der vertraut gewordenen Autobahn ein neues Kreuz, russische Namen, Bremsspuren auf dem Belag, die genau an der Stelle, wo das Kreuz steht, enden. Wenn ein Vertrautes zu rasch fremd wird. Atembeklemmung bei 160km/h.

12. Mittagmahl

Alles starrt. Erst auf den leeren Tisch, dann auf die leeren oder schon zur Hälfte mit Reis oder Salaten gefüllten Teller. Als sei von hier, von diesem makellosen, fast jungfräulichen Porzellan, eine Offenbarung zu erwarten. Oder wenigstens ein Wort.

Junge Menschen, ganz junge Menschen, und doch kein Wort.

Mir gegenüber die Jüngste am Tisch. Sie trägt einen Sommerpullover über dem weißblauen Hemd. Sein Kragen steht akkurat über der Kragennaht des Pullovers. Das Haar trägt sie zurückgesteckt, eine Brille auf der feingegliederten Nase, und sie bearbeitet ihre wenige Kost mit so exakten Messerstrichen und Gabelstichen, daß ich mir, vor der Zähigkeit des Fleischklumpens vor mir („Bollen“, wie der Schwabe sagt) schier verzweifelnd, vorkomme wie ein Holzfäller. Oder ein dreister alter Metzger auf Kärntenurlaub.

Der junge Mann links neben mir hält seine Glieder kaum im Zaum. Alles an ihm ist Bewegung und Länge, so lange Extremitäten wollen beschäftigt sein, aber es wäre ihm sicherlich lieber, sie gäben sich endlich einfach nur der Essensruhe hin.

Rechts von mir verbirgt einer seinen ersten sprießenden Unterlippenbart (à la mode, in ein paar Jahren wird man darüber ebenso verzweifeln wie über die Plateauschuhe der Siebziger) hinter der Linken, in die er den Kopf gestützt hält. Er stochert im Reis. Was nicht von selbst auf die Gabel geht, hat es nicht verdient, in seinem Mund, hinter dem Bärtchen zu landen.
Wenn der Gong ertönt, rasselt alles auf und sieht zu Boden, dorthin, woher die neue Offenbarung ihren Ausgang nehmen soll. Aber es tut sich nichts, nichts als ein schwaches Stimmchen hinter mir, das sich wenig nur über die verlorenen Essensreste erhebt und mehr Aufmerksamkeit einfordert für die Gaben des Herrn, wahrscheinlich gerade die, die auf dem Boden verteilt liegen und meine Aufmerksamkeit schon längst eingefordert haben. Man bekreuzigt sich fahrig und flüchtig und flieht nach der Tür. Ich setze mich wieder und allein kämpfe ich weiter mit meinem Bollen Fleisch. Der Metzger in mir hat sein Pensum noch nicht geschafft. Und Kärnten ist weit.

 

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