Schreibge­wohnheiten?

Kurze Vorbemerkung: Dieser Text stammt aus dem Jahr 2003, er wurde für eine Schüler-Umfrage unter AutorInnen geschrieben. Die technischen Daten sind – natürlich – längst überholt, der Laptop hat den Desktop-Rechner komplett ersetzt, das Tablet wiederum den Laptop. Nur meine sonstigen Verfahrensweisen mit Ideen, die ich überall in meinem Wohnraum „pflücke“, sind sich weitgehend gleichgeblieben. Ich schreibe dies, weil ich immer wieder bedauernde Mails mit Spendenangeboten für zeitgenössische PCs erhalten habe. Was wirklich überflüssig ist: ich lebe zwar hinterm Mond, aber das volldigital und mehr oder weniger am Puls der Zeit.

Ok, nun aber zu den Schreibgewohnheiten.

Erstmal muß ich aufräumen mit einigen klischeehaft romantischen und vielleicht liebgewonnenen Bildern vom Dichter (auch wenn die Bilder heute vielleicht schon nicht mehr ganz so klischeehaft sind wie noch vor dreißig Jahren, vielleicht sind sie deshalb aber auch weniger lieb zu gewinnen). Die meisten KollegInnen meiner Generation sind bestens ausgerüstet, beinahe jede(r) hat eine Homepage, definitiv jede(r) einen Mailzugang mit dazugehörigem neueren Computer, i.a. sogar eher zwei, einen Laptop und einen Desktop-Computer. Ich schreibe meist am Rechner. Wenn ich auf Lesungsreise bin, habe ich meinen Laptop dabei, nur wenn ich mal wieder ganz unorganisiert bin, müssen Stift und Papier herhalten. Für schnelle Notizen also. Entsprechend besteht mein schlimmster Tick, zumindest was das Schreiben angeht, darin, daß jede Ecke meiner Bude mit Stift und Block ausgestattet ist und ich regelmäßig herumgehen und das Geschriebene abernten muß. Auch auf der Toilette. Oder gerade dort. Fürs Auto und fürs Joggen habe ich ein Diktiergerät, das ist wesentlich ungefährlicher (eine leidvolle Erfahrung, was Schreiben im Auto betrifft, habe ich schon machen müssen). Aber auch das ist ein Tick, weil mir in 90% aller Fälle beim Laufen ohnehin nichts einfällt. Außer Weiterlaufen.

Aber ganz sicher fällt mir immer dann wiederum etwas ein, wenn das Diktiergerät zuhause geblieben ist.

Das Arbeiten selbst habe ich mir vom Studium her rationalisieren müssen, d.h. kontinuierliches Schreiben ist unerläßlich, um einen Roman, ein Theaterstück oder eine längere wissenschaftliche Arbeit überhaupt schreiben zu können. Allerdings bin ich um einiges weniger diszipliniert als ein Thomas Mann – ich stehe nicht vor 11 Uhr morgens auf und nutze vorwiegend die Nachtstunden; aber nicht nur zum Schreiben, sondern auch zum Surfen (äh, Recherche nennt sich das dann) und zum Chatten (das nennt sich selbstverständlich auch Recherche). Und am Tag bleiben dann drei, vier Stunden Schreibarbeit, derzeit an meinem neuen Roman. Und leidiger Bürokram. Und Brotarbeit, weil ich vom Schreiben ausschließlich nicht leben könnte.

Mein Arbeitszimmer ist blau. Den Kübel Farbe hatte ich noch übrig aus der Kneipe, in der ich zuvor gearbeitet habe. Um mich herum die üblichen Bürokommunikationsmedien, v.a. aber CDs und LPs, weil ich ohne Musik nicht eine vernünftige Zeile zu Papier bringe. Deshalb viele CDs. Sehr viele. Über den Raum verteilt, über den Boden. Wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich andere Fenster, ich könnte mühelos in die offenen Fenster gegenüber spucken, deshalb ist es meist dunkel in meinem Zimmer. Man sollte Arbeitsatmosphäre eben nicht überschätzen, immerhin ist das kein Abbruchhaus im Stil meiner geschätzten Berliner (Prenzlauer Berg) KollegInnen und es ist auch keine Abraumhalde, auf die ich blicke (so habe ich in Duisburg und Saarbrücken auch schon gewohnt, und es war egal, deswegen entstand oder entsteht nicht ein Gedicht und auch nicht ein Romankapitel mehr oder weniger).

Hm. Ansonsten – individuelle Rituale? Tee ist wichtig, andere müssen rauchen, ich brauche tags Unmengen Tee und abends Kaffee. (Rauchen kann ich auch nicht, sonst wäre nichts mit Joggen, und das ist unerläßlich, um das Hirn zu lüften). Alkohol gehört leider auch zum Schreiben, aber nicht in Unmengen. Vom Rest reden wir nicht, das macht unproduktiv. Aber komplett.
Fußball! Im Hintergrund, ohne Ton, ohne daß ich oft in die Glotze sehen würde. Das ist, weiß Gott, auch inspirierend. Der Rest ist Geschichte. Oder aber: Ich habe jahrelang in Kneipen geschrieben, v.a. kürzere Prosa- oder lyrische Arbeiten sind in Kneipen entstanden. Gerade wenn es laut um mich war oder ich permanent in der Gefahr war, gestört zu werden. Ich hatte mich so sehr darauf konditioniert, in verrauchter Atmosphäre zu arbeiten, daß ich sogar meine Doktorarbeit teilweise dort geschrieben habe. Zumindest ihre meines Erachtens besten Kapitel, die literarisierten nämlich.

Das hat sich geändert, seit ich in einer Kleinstadt lebe. Das Kneipenangebot ist unter aller Kanone, deshalb schreibe ich jetzt ganz brav zuhause.

Auf der Toilette.

 

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