Frequently Asked Questions zum Buch Sojus

Nach einem Buch über den Genozid an den Armeniern und die Flucht deutscher Kriegsverbrecher behandelt der Roman Sojus nun den Ungarischen Volksaufstand von 1956. Sie stammen selbst aus einer ungarischen Familie. War das eine Motivation, dieses Thema aufzugreifen?

Einerseits ja. Die Biografien meiner eigenen Familie, vor allem die meiner Mutter, sind Produkte des Volksaufstands. Die mir von Kindheit auf vertrauten Geschichten von revolutionären Aktionen mir mehr oder weniger bekannter Großtanten und -onkel und ihrer Flucht über Österreich nach Deutschland haben mein narratives Gedächtnis immens geprägt.
Andererseits wollte ich schon lange einen Roman schreiben, der die historischen und mentalitätsgeschichtlichen Hintergründe der autoritären Verhältnisse im heutigen Ungarn und in Russland beleuchten sollte. Und besonders auch die verheerende Rolle, die „der Westen“ im Kontext des Volksaufstands gespielt hat, was bis heute Auswirkungen hat im Verhältnis zwischen Ungarn bzw. Russland und der EU.

Es fällt auf, dass Sojus aus vielen verschiedenen Erzählperspektiven erzählt, im Gegensatz zu den Vorgängerromanen Tage der Nemesis und Rattenlinien, die eng an die Perspektive der Hauptfigur Andreas Eckart gebunden waren. Warum haben Sie dieses Stilmittel gewählt?

Die Leser_innen lernen dadurch eine „westliche“, eine sowjetische und eine ungarische Sicht auf die Ereignisse kennen und können sich schlussendlich ihre eigene Meinung bilden. Multiperspektivisch zu erzählen schien mir der einzige Weg, ein historisch so komplexes Thema zu bewältigen.

In Sojus wird unter anderem auch eine Vater-Sohn-Geschichte erzählt. Es ist das erste Mal, dass wir Andreas Eckart sehr privat erleben. Hat das die Figur Ihres Ermittlers verändert?

Definitiv. Eckart ist mehrfach in seinem Leben durch sehr schwere Zeiten gegangen: Ein Verschüttungserlebnis im Ersten Weltkrieg, Morphiumsucht, Flucht aus dem Dritten Reich … In Sojus tritt er in seine letzte Lebensphase ein. Er ist jetzt älter als sein eigener Vater, als der starb, und das bringt ihn ziemlich durcheinander. Außerdem macht er sich Gedanken darüber, was von seinem Leben, was von ihm bleibt. Da kommt die Nachricht von einem Sohn, von dem er bislang nur vom Hörensagen wusste, ihm gelegen – und schockiert ihn gleichzeitig. Gelegen, weil es seine Sinnfrage teilweise beantworten könnte, schockiert ihn, weil er eigentlich an einem ganz anderen Punkt in seinem Leben und Denken steht und jetzt durch die Ereignisse ultimativ herausgefordert wird.

Sie gelten als ausdauernder und akribischer Rechercheur Ihrer Themen. Wie haben Sie für dieses Buch recherchiert? Wie kommt man an Informationen über ein solches Thema, das nachrichtendienstlich immer noch klassifiziert ist?

Es stimmt, dass einiges an diesem Material klassifiziert ist, aber längst nicht alles. Ungarische Flüchtlinge, zum Teil aus Regierungs- und Geheimdienstkreisen, die sich in den Westen absetzten, brachten damals reichlich Hintergrundinformationen mit. Das Thema ist wissenschaftlich mittlerweile gut erforscht, in Ungarn wie in westlichen Ländern, und Pressearchive sind diesbezüglich auch hervorragend ausgestattet. Der Volksaufstand hatte damals ja in deutschsprachigen Medien einen gewaltigen Impact. Und schließlich gab es in meiner eigenen Familie 1956 Republikflüchtlinge, deren Geschichten ich problemlos in Sojus transformieren konnte. Einzelne Szenen, beispielsweise die des „Budapester Blutdonnerstag“ vom 25. Oktober 1956, bekommen dadurch eine, wie ich finde, realistischere, intimere Note.
Ich hatte daher eher die Qual der Wahl als Mühe, an Informationen zu kommen.

Sojus ist der Abschlussband einer Trilogie über den Ermittler, ausgebildeten Psychiater und Psychoanalytiker Andreas Eckart. Müssen wir uns jetzt von ihm und den anderen Figuren dieses Universums verabschieden?

Das hängt auch von den Leser_innen ab. Ich könnte mir durchaus vorstellen, eine Sequel zu schreiben, einen Roman oder auch mehrere Nachfolgebände, die auf dem Personal der Trilogie beruhen. Doch wir leben in schnelllebigen Zeiten. Wenn ich merke, dass das Interesse nachlässt, werde ich mich nicht in diesen Themenkomplex verbeißen, ich habe viele andere Ideen für Bücher, die mich ebenfalls reizen würden.
Das letzte Wort sprechen immer meine Leserinnen und Leser.